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Christiane Singer ::: Der Tod zu Wien


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m heißen Sommer des Jahres 1679 erreicht der schwarze Tod die Stadt Wien auf unzähligen mikroskopischen Pfaden und reißt brutal die Herrschaft an sich. Jene, die es sich leisten können, fliehen auf ihre Ländereien oder gleich bis Prag oder Budapest – und verbreiten so die Seuche weiter über Europa. Derweil wütet die Pest in den Vierteln der Armen und verschont auch nicht die Verbliebenen und Verlassenen in ihren Palais und Bürgerhäusern:
 

Nächtelang brannten die Kerzen. Man war geschäftig, verpackte, verschnürte, gürtete, schirrte an und belud.

     Die Glocken läuteten mit vollem Schwung, damit die Luft bewegt und die „giftigen Dämpfe“ und „Pestfunken“ so weit wie möglich vertrieben würden. 

     Man verbrannte, was man konnte, um auszuräuchern: Schwefel, Lorbeer, Wacholder, Tabak, Schießpulver, Weihrauch, Parfüm, alle Gerüche mischten sich miteinander; die kräftigen legten sich auf die sanften, die bitteren spießten die süßen auf, die schwülen bedrängten die heiligen. Der wilde Hexentanz der Düfte benebelte die Hirne und gaukelte ihnen irre Visionen vor. 

      Manche sahen in dieser glühend heißen Sommernacht die Pest in Gestalt von bläulichen Flammen durch die Straßen schweben. Andere erkannten die „Alte“ unter ihrer Kapuze, wie sie kichernd durch eine schmale Gasse schlich. Und wieder andere erblickten den Mann im roten Mantel, den die Tiroler während der Epidemien von 1649 durch das Land laufen sahen – oder gar den Teufel persönlich, der 1630 in Mailand Türen und Fenster mit seiner verpesteten Salbe beschmiert hatte. 

       Am Morgen trieb man die Pferde an, und die Schar der Flüchtlinge begab sich zu den Toren der Stadt, wo bereits ein unbeschreibliches Chaos herrschte. Die, die zurückblieben, betrachteten diesen gigantischen Aufbruch mit gemischten Gefühlen. 

       Manche von ihnen hätten die Stadt gerne verlassen. (…) Die meisten jedoch dachten sowenig an Flucht wie an eine Einladung als Ehrengast bei der Königin von Saba. Ihre Herzen waren durch lange Vertrautheit mit dem Tod von seltsamer Ruhe erfüllt. Schritten sie nicht seit ihrer Geburt von einer Qual zur anderen, hin bis zur letzten?

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Auch der Fürst Balthasar von Lichtenburg schließt sich dem fliehenden Tross an, seine von ihm entfremdete Frau Eleonore und sein widerspenstiger, sensibler Sohn Johannes jedoch bleiben zurück. Bei seinen Streifzügen begleitet die Leserin den jungen Adeligen in die Armenviertel der im Chaos versinkenden Stadt und in die Arme einer schönen Todgeweihten – auf der Suche nach Mitmenschlichkeit in einem kollektiven Taumel aus Panik und Grauen. Jedoch: Aus dieser Unmittelbarkeit des drohenden Schattens heraus erstrahlt die barocke Lebendigkeit der handelnden Figuren um so heller und wärmer. 

 

Der Tod zu Wien von Christiane Singer, List Verlag 1996. Übersetzt von Helga Treichl

 

Der Tod zu Wien von Christiane Singer ist großes Kino im Kopf und gehört eigentlich in den Kanon der Weltliteratur erhoben (wo kann man da anrufen?). Die Schilderungen der französisch-österreichischen Autorin sind so sinnlich wie derb, so abgrundtief schön wie deftig und viele Szenen ihrer Erzählung sind garantiert nichts für schwache Nerven. Die grandiose Übersetzungsarbeit von Helga Treichl ist fein ziseliert und die Wortwahl von erlesener Güte. Thematisch und sprachlich steht das Buch für mich in der Nähe von Jean Gionos Der Husar auf dem Dach oder von Franzobels Das Floß der Medusa.

 

„Die Pest, Euer Gnaden, die Pest!“

 

Die Autorin sprach im Jahr 1980 über ihr Buch mit dem ORF Mittagsjournal: „Wien war für mich immer eine widersprüchliche Stadt der Faszination und der Schönheit, aber auch der Niedertracht, des Schreckens und der totalen Spaltung.
Das Barock war das letzte Verströmen von Prunk und Vergeudung, das letzte Wahnsinnsfest vor der Industrialisierung. Also bevor jeder Mensch im Abendland zum Maultier des Wirtschaftswachstums wurde und wir begannen, uns in einer abstrakten, hygienischen Weise voneinander zu entmenschlichen. Der Tod zu Wien ist in meinen Augen daher weniger eine historische Geschichte, als eine Fabel für heute.

Pestspital in Wien, 1679

In meinem Buch bricht mit der Pest von einem Tag zum anderen der Wahnsinn aus; der eigene Nachbar wird zum Verräter, wenn nicht gar zum Henker. Ich habe versucht, diese Stimmung der Verfolgung und dieses Umkippen in einen Wahnsinn zu beschreiben. Diese Spaltung war es auch, die mich dabei am meisten fantasmatisch angesprochen hat, dieses Auseinanderfallen der Welt in oben und unten. Die oberen sahen den unteren zu wie sie krepierten und wie sie in Verzweiflung gerieten. All jene, die ein Pferd oder eine Kutsche hatten, verließen die Stadt und nahmen mit, was sie raffen konnten: Proviant, Weinfässer und Arzneien, ja sogar die Apotheker selbst.
Alle übrigen blieben zurück in der gesperrten Stadt: die Armen, die Heiligen, die Narren.“ 

Das Buch, 1978 auf Französisch (La Mort viennoise) bei Albin Michel veröffentlicht und in Frankreich rasch ein Bestseller, erschien 1982 bei Molden und 1996 bei List auf Deutsch. Als deutschsprachiges Original auf den Markt gekommen, wäre es wohl zweifellos die literarische Entdeckung des Jahrzehnts aus Österreich geworden. Dafür sprechen die historische Präzision (einige wenige dichterische Freiheiten werden von der Autorin als solche ausgewiesen), höchste Sprachkunst und ein magnetischer Sog, der die Leserin durch die Erzählung zieht. 

Die Nähe zu dem, was wir derzeit durch- und mitmachen ist unverkennbar. Daher nicht nur, aber besonders als Lockdown-Lektüre eine ganz, ganz große Empfehlung!

 

 

Christiane Singer (1943–2007) kam als Tochter altösterreichisch-jüdischer Flüchtlinge in Marseille zur Welt. Sie war bereits in Frankreich als Autorin und Professorin der Literaturwissenschaften bekannt, ehe sie den Architekten Giorgio Thurn-Valsassina heiratete und auf sein Schloss im Waldviertel zog.

1988 wurde sie mit dem Prix Albert Camus ausgezeichnet, von 1990 bis 1998 stand sie dem österreichischen Pen-Club als Generalsekretärin vor.

Singer war eine ausnehmend warmherzige und provençalisch temperamentvolle Erscheinung, besonders in Kontrast zum emotional eher muffigen und biederen Österreich der 70er und 80er Jahre – ein Eindruck, den man in einer Diskussion zum Thema „Die österreichische Seele“ in einem Club 2 von 1984 auf YouTube (leider nur in dürftiger Bildqualität) nachprüfen kann.

Weitere empfehlenswerte Bücher von Christiane Singer sind Rastenberg, Zeiten des Lebens und Wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir.

 

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Published in Allgemein

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