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Zadie Smith ::: Freiheiten

Auch wenn die Autorin bepeint die Hände vors Gesicht legen und „O God, no!“ murmeln würde: Zadie Smith ist eine kulturelle Ikone unserer Zeit. Mit Freiheiten legt die Romancière ihren zweiten Essay-Band vor.

 

Zadie Smith, geboren 1975 im Norden Londons, lebt heute in New York. Sie war auf der Shortlist des Man Booker Prize 2005 und gewann 2006 den Orange Prize. U.a. erhielt Zadie Smith im November 2016 den Welt-Literaturpreis und 2018 den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur.
Foto: Eamonn McCabe

 

Begonnen hat Zadie Smiths Weg zum Ruhm bereits mit dem Erscheinen ihrer ersten beiden Romane: Zähne zeigen (White Teeth, 2000), einem Schlüsselroman für die Generation Y und Von der Schönheit (On Beauty, 2005), einer transatlantischen Variation des Howards End-Themas über bürgerliche Codes und Konventionen.

Der talentierten Britin mit dem jamaikanischem Background mütterlicherseits gelingt in ihren Büchern vor allem eines, nämlich Balance zu halten: Zwischen informeller Zeitgenossenschaft und formaler Zugänglichkeit einerseits und andererseits einer Belesenheit, die sich nicht aus Popliteratur speist, sondern aus den Werken von Shakespeare, Forster, Dostojevski und der Geschwister Brontë.

In diesem professionellen Sinn ist Zadie Smith ein Real Deal. Schließlich studierte sie noch Literatur, als sie für ihr Debüt 250 000 Pfund Vorschuss erhielt und bereits mit 22 als Sternschnuppe und als eine Art Sade Adu der britischen Literaturszene gehandelt wurde.

Im Ausguck

Laut John Lennon bestünde die Aufgabe des Intellektuellen im Vorausschauen, im Beobachten des Horizonts, wie es dem Mann im Ausguck eines Schiffes zukommt. Genau diesen Job erfüllt Freiheiten, der zweite Essay-Band Smiths.

Dass das Ausharren im Ausguck ermüdend und nicht immer angenehm ist, ist Zadie Smith in vielen Interviews anzusehen, obwohl sie darüber nie nörgeln würde: Im Ausguck, dem sogenannten Krähennest, ist es kalt, windig, einsam und ausgesetzt, und für die Seeleute an Deck und in den Takelagen galt diese ruhende Position, die oft Schiffsjungen überlassen wurde, als Hängematten-Job; als Freiheit für zwischendurch. Anerkennung erhielt der Mann im Krähennest nur, wenn er eine Sturmfront oder Land ankündigte.

Auf Zadie Smiths Horizont tauchen vielerlei Stürme und Gestade auf: Hip-Hop und Autorenkino, Jazz und Comedy, Neoliberalismus und Alte Meister, Show Business und der raschelnde Blätterwald der Gazetten. Nicht nur im Kopf der Autorin müssen sie alle zusammenfinden, als Teile einer ganzen Welt verstanden werden. So verwirrend diese Welt auch sein mag.

In Freiheiten reflektiert Smith über die möglichen Anknüpfpunkte zwischen dem ‘Ich’ Justin Biebers und dem ‘Du’ Martin Bubers, die Architektur römischer Gärten, Rimbauds wildes Abenteuerleben, das Totsparen der NHS durch barbarische Büromenschen der Tory-Partei und das leise Verschwinden öffentlicher Bibliotheken.

Wir lesen über Smiths Liebe zur Stimme von Joni Mitchell, die sie sich erst erarbeiten musste, über den todtraurigen Animationsfilm Anomalisa, den Nazi-Spleen englischer Aristokraten, die moralische Sorglosigkeit von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Tanzstunden für Schriftsteller und Jay-Zs großes Herz für Frauen, die sich was trauen.

Nicht nur die Weltbühne wird in dem umfangreichen Band beleuchtet. Auch ganz privates, seelisch-intimes kommt zur Sprache, die, wie man nicht extra erwähnen muss, elegant und auf der Höhe der Zeit ist (das gilt auch für die optimal gelungene Übersetzung durch Tanja Handels). Etwa die Erinnerung an das elterliche Badezimmer, das eine ganze Insel repräsentierte: Jamaika.

Immer weiter geht die geistreiche Fahrt über das Meer der Kulturgeschichte, eine Fahrt, die am ganz persönlichen Strand, den sich jeder für sich erträumt, endet. Dass der Traumstrand der Autorin erst als Werbeplakat an einer New Yorker Fassade auftaucht, ist in diesem Buch kein Zufall. Zum guten Schluss lesen wir über den Unterschied zwischen Freude (joy) und Vergnügen (pleasure). Und fragen uns: Warum fragt im deutschsprachigen Raum niemand solche Fragen und warum gibt es kein weibliches deutschsprachiges Pendant zu Zadie Smith?

Furie Freiheit

Völlig losgelöst zu sein. Das ist für viele keine angenehme Vorstellung. Daher auch der Titel und die Cover-Grafik zwischen Waschmittelwerbung und Hitchcock-Sinnestaumel, die übrigens auch für die deutsche Ausgabe übernommen wurde.

Beides ist Ausdruck einer Bodenlosigkeit, einer Verwirrung darüber, welche Definition von Freiheit auch immer damit gemeint ist: Die Freiheit des arrivierten Literaturstars Zadie Smith, sich in Kolumnen und Feuilleton-Beiträgen für die Weltpresse die Themen selbst wählen zu dürfen? Die Freiheit des Lesers, einzelne ihrer Essays „zu verwenden, zu verändern, zu zerlegen, zu zerstören oder gar nicht zu beachten“, wie die Autorin im Vorwort vorschlägt?

Oder die Freiheit, die der Westen für sich proklamiert und dabei nur noch mit Müh und Not kaschieren kann, dass es sich um einen nicht einlösbaren Anspruch handelt? Die Freiheit der Überwachungsdienste, uns täglich auszuspionieren? Die Freiheit einer entfesselten Warenwelt und die moralische Referenzlosigkeit unserer, im Materialismus wahnsinnig gewordenen Kultur, in der nur mehr Sinn macht, was golden glänzt und sexy aussieht?

Oder gar die Freiheit als Sog des Abgrunds der Beliebigkeit? Und damit tief in der Magengrube empfunden: dieses schwummrige Gefühl, das Freiheit eben auch erzeugt? Man merkt: Sogar die Deutung des Buchtitels beschert dem Leser ein Delirium der Deutung, ein Vertigo der Wahl. Es besteht der düstere Verdacht, dass wir eben nur darin frei sind, uns unsere Unfreiheiten auszusuchen. Dem Buch stellt Smith ein Zitat der afroamerikanischen Schriftstellerin Zora Neale Hurston voran: „Menschen können wandelnde Sklavenschiffe sein.“

Mit ihrer teils spröden, sehr englischen Working-Class-Nüchternheit und einem pointierten Sarkasmus ist Smith als Orakel unserer Zeit viel eher eine schlaue Sibylle als eine dampfberauschte Pythia oder eine traumatisierte Kassandra. Erfreulich, denn Freiheiten lebt von lustvollem, kulturtheoretischem Verhandlungsgeschick, anstatt auf Schopenhauersche Mieselsucht zu setzen. Davor bewahrt Zadie Smith zum Glück ihre lebensbejahende Klugheit und ihr unstillbarer Hunger nach dem Horizont.

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Freiheiten. Ins Deutsche übertragen von Tanja Handels; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2019; 512 Seiten, € 26.-. Original: Feel Free – Essays, Hamish Hamilton, 2018.

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Interview mit Tanja Handels, Zadie Smiths Übersetzerin ins Deutsche
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Frau Handels, Sie haben Zadie Smiths jüngsten Essay-Band Freiheiten (im Original: Feel Free) ins Deutsche übertragen. Obwohl Sie als regelmäßige Übersetzerin Smiths bereits mit ihrem Stil vertraut sind, scheint mir eine solche Fülle an Essays aus allen thematischen Himmelsrichtungen doch eine Herausforderung zu sein. Alleine für die Übersetzung dieses umfangreichen, komplexen Werkes erhielten Sie ein Stipendium des Freistaates Bayern. Was waren für Sie dabei die Hürden, die es zu überwinden galt?

Alles in allem war ich etwa ein Jahr lang mit der Übersetzung von Feel Free beschäftigt. Die Herausforderungen war für mich vor allem die Recherche. Smith schreibt in ihrem neuen Buch über eine große Vielfalt von Themen: Literaturkritik, Film, bildende Kunst, Hip-Hop… Das bedeutet für mich als Übersetzerin vor allem, dass ich mich für einen Essay beinahe unendlich auf einem Gebiet einlesen muss. Dreißig Seiten später geht es dann wieder um ein vollkommen anderes Thema. Das war einerseits sehr zeitaufwendig, aber auch sehr schön, denn so lernte ich über vieles, womit ich mich vielleicht nicht von selbst auseinandergesetzt hätte.
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Gibt es Überschneidungspunkte zwischen Ihren und Zadie Smiths Interessen?

Literatur und Film beschäftigt uns beide, denke ich. Aber gerade was die Kunst angeht, ist sie mir weit voraus. Das muss ich dann mit Recherche wettmachen. Sprachlich stellen mich Smiths Texte natürlich auch vor Herausforderungen, denn ich muss für ihre kunstvollen Sätze deutsche Entsprechungen finden. Sie hat einen unglaublich pointierten und eleganten Stil. Ihre Sätze sind wunderbar ineinander verschlungen und laufen dennoch sehr klar auf bestimmte Aussagen hinaus. Ein großes Glück für eine Übersetzerin – ich übersetze diese Autorin wahnsinnig gerne.
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Wie viele von Zadie Smiths Werken haben Sie bereits übersetzt?

Freiheiten ist, wenn man eine Novelle mitzählt, das fünfte. Ich habe ihre beiden letzten Romane übersetzt: London NW und Swing Time, wie auch ihren ersten Essay-Band Sinneswechsel (orig. Changing My Mind), der 2014 erschien.

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„Bis es eine große Freude ist, ist es oft eine große Qual.“

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Welche englischen und amerikanischen Kulturerscheinungen, über die Zadie Smith schreibt, und subkulturelle Slang-Idiome, die sie verwendet, lassen sich nicht so einfach in den deutschen Sprach- und Kulturraum transferieren?

Ich würde das grob in drei Gruppen einteilen: Slang, Soziolekte und Fachsprachen. Zunächst zum Slang und zum jamaikanischen Patois: Da kommt in dem Buch eigentlich gar nicht so viel vor, außer in dem Kapitel über jamaikanische Literatur. Black English allgemein ist natürlich nicht eins zu eins ins Deutsche zu bringen. Da kann man nicht einfach einen deutschen Fleck drüber legen.
Ich versuche das dann immer ein wenig über die Lexik zu regeln: Etwa umgangssprachlichere Ausdrücke zu verwenden, als man das sonst tun würde. Oder ein kleines bisschen die Sätze zu verkürzen und zu schleifen: Hier und da einmal ein t beim ist wegzulassen oder nix statt nichts zu schreiben. Das ist natürlich sanfter markiert als das englische Original, aber anders ist das nicht zu lösen.
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Es klänge auch hölzern und aufgesetzt, würde karibisches Englisch in einem bestimmten deutschen Lokalkolorit wiedergegeben werden, etwa auf oberbayrisch, oder im Hamburger Missingsch, oder – ganz schlimm – in so einem Männer-WG-Sprech von 1972, wie wir es aus der Synchronisation mancher Filme und Fernsehserien kennen.

Das stimmt, das wurde früher auch so in der Literatur gehandhabt, dass zum Beispiel ein schottischer Dialekt im Bayrischen wiedergegeben wird. Das wirkt dann erst recht furchtbar deutsch. Ein Gegenbeispiel fällt mir aber gerade ein: Die ursprüngliche deutsche Version von My Fair Lady, bei der sich die Autoren des Berlinerischen bedienten, um das Cockney-Englisch zu ersetzen. Das funktioniert erstaunlich gut auf der Bühne. Und natürlich greife auch ich mal beim Übersetzen in verschiedene Dialekte rein und nehme mir einen Ausdruck heraus.
Ein anderes Problem sind die Soziolekte (die Dialekte sozialer Klassen; Anm.) mit denen Zadie Smith in ihren Romanen die gesellschaftlichen Schichten Großbritanniens durch deren Sprachformen markiert. Das war klarerweise in einer Essay-Sammlung nicht das Problem.
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Weil in einem Essay-Band eine einzige narrative Stimme durch das Buch führt?

Genau. Essays bewegen sich ja an der Grenze zwischen Belletristik (die „schöne“ Literatur, frz.; Anm.) und Sach- oder in diesem Fall schon beinahe Fachbuch. Und ganz im Sinne des Urvaters dieses Genres, Michel de Montaigne, hat man auch in Zadie Smiths Essays ihre ganz persönliche Stimme im Ohr. Diese Stimme zieht sich durch das Buch und macht auch dessen Übersetzung für mich fast einfacher als jene der Romane.
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Wie sieht es mit der dritten Gruppe, den kulturspezifischen Fachsprachen in Freiheiten aus?

Da fällt mir gleich Zadie Smiths Porträt von Jay-Z ein, in dem sehr viele Ausdrücke aus dem Hip-Hop fallen. Das ist dann klassisches Recherchieren: Welche eigenständigen Begriffe gibt es im deutschen Hip-Hop und welche werden in der deutschen Hip-Hop-Welt aus dem Englischen übernommen? Ziemlich viele, kann ich Ihnen sagen. Im Zweifelsfall ziehen wir Übersetzer auch Auskenner und Experten aus einer bestimmten Szene zurate.

 

„Mir geht es immer um Rhythmus und Sound.“

 

Auch manche Andeutungen und Wortspiele, die im Englischen schön aufgehen, sind nicht so einfach in den deutschen Kulturraum zu transferieren, denke ich mir.

Das stimmt. In dem Kapitel über den Brexit fällt der Halbsatz: „…the almost perfectly named Jeremy Hunt,…“. Da steht man als Übersetzerin erst mal da und fragt sich, was die Autorin damit meinen könnte. Daraufhin informierten mich ein paar mit mir befreundete Briten darüber, dass der konservative Politiker von der Bevölkerung auch gerne mal ‘Jeremy Cunt’ genannt wird. Was zunächst einmal ein Versprecher in den Fernsehnachrichten war, wurde dankbar in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen…

… so ähnlich wie ein Cockney Rhyme?

So ähnlich, ja. Aber da kann man von einer deutschsprachigen Leserschaft nicht ohne weiteres erwarten, dass die das wissen und auch Google ist hier nicht besonders hilfreich. Ich habe mir dann damit geholfen, es folgendermaßen wiederzugeben: „… der fast perfekt benamste Jeremy Hunt (man müsste nur das H gegen ein C austauschen),…“. Das ist dann natürlich expliziter und erklärender als das Englische. Aber ich denke, es ist ein Steigbügel, den man der deutschen Leserschaft einfach geben muss.
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Wie erfüllend ist es für Sie als Übersetzerin, sich auf Zadie Smiths elegante Gedankenflüge einzulassen und durch einen passenden Ton im Deutschen gerecht zu werden?

Das ist natürlich eine große Freude, so etwas tun zu dürfen. Aber bis es eine große Freude ist, ist es auch oft eine große Qual. Es dauert manchmal, dorthin zu finden. Ich habe diese perfekten englischen Sätze vor mir und frage mich: „Oh Gott, wie soll ich das hinkriegen, so etwas in ein adäquates Deutsch zu übersetzen?“ Und wenn dann irgendwann der Geistesblitz kommt und es mir gelingt, einen Ausdruck zu finden, der auch bestehen kann, für den mich die Lektorin lobt, habe ich letztlich doch das Gefühl, meine Aufgabe gut erfüllt zu haben. Es ist, um das letzte Kapitel in Freiheiten zu zitieren, „a joy“, eine Freude!
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Macht es Ihre Übersetzungsarbeit schwerer, wenn es um eine Thematik geht, die für Sie persönlich komplett uninteressant ist?

Sagen wir so: Es hilft schon sehr, wenn’s mich interessiert. Wenn es mich überhaupt nicht interessiert, dann würde ich das Projekt wahrscheinlich gar nicht annehmen.
Ich habe früher einmal ein Buch über American Football übersetzt (Der Coach von John Grisham, Originaltitel: Bleachers; Anm.). Und obwohl mich diese Sportart nicht sonderlich interessiert, nahm ich den Auftrag an, weil die Geschichte so gut war.
Oder im vergangenen Jahr nahm ich die Übersetzung der Biografie eines Surfers an (Barbarentage von William Finnegan, Orig.: Barbarian Days, Anm.). Diese Geschichte war so gut erzählt, dass ich den Auftrag einfach übernehmen musste. Auch wenn ich mich fürchtete, ob ich dieses sehr spezifische Idiom der Surf-Szene auch im Deutschen hinkriege. Aber für so etwas gibt es dann zum Glück auch noch Fachlektoren.
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Und gab es auch bei Freiheiten einige Themen, die sie so gar nicht interessierten?

Innerhalb der vielen Themen von Freiheiten gab es natürlich den einen oder anderen Essay, den ich lieber übersetzt habe, als andere in diesem Band. Beispielsweise der Essay über The Crash von J.G. Ballard. Das Buch hatte ich bis dato noch nicht gelesen und als ich dann es las, gefiel es mir nicht so besonders.
Dementsprechend mühsam las sich das Essay, mit dessen Übersetzung ich mich ein bisschen gequält habe. Doch wenn ich mir jetzt nochmal die Druckfahnen durchsehe, muss ich sagen: Sogar diese Übersetzung ist eigentlich ganz gut geworden. Letztlich sind alle Aufsätze von Zadie Smith geschrieben und sie interessiert mich einfach von Grund auf.

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„Mich fasziniert, was Zadie Smith mit ihrem unglaublich breiten Wissen anstellt. Ihre Gedanken-Volten finde ich ganz, ganz großartig.“

 

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Visualisieren Sie beim Übersetzen auch die Redeweise und Persönlichkeit Ihrer Autoren u. Autorinnen, in diesem Fall Zadie Smith? Ich nehme an, Sie werden Sie mittlerweile wohl auch persönlich kennen?

Ja, ich habe sie ein paar mal getroffen, bei Lesungen und Preisverleihungen. Wir kennen uns und sie ist mir auch während der Übersetzungsarbeit an ihren Büchern gegenwärtig. Als ich sie noch nicht persönlich kannte, schaute ich mir auch Aufnahmen von ihr auf YouTube an. Das mache ich eigentlich immer, wenn ich eine neue Autorin oder einen neuen Autor zur Übersetzung bekomme. Ich versuche, die mal reden zu hören, idealerweise auch eine Aufnahme zu finden, in der die Person aus ihrem Werk liest. Wenn das klappt, ist das toll, denn dann habe ich noch einmal einen anderen Ton im Ohr. Mir geht es immer um Rhythmus und Sound. Ich merke das immer wieder in Besprechungen mit dem Lektorat, wo ich bei manchen Vorschlägen sagen muss, dass sie nicht meinem Gefühl für Rhythmus und Ton entsprechen.
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Zadie Smiths Bücher haben im deutschsprachigen Raum dasselbe Cover wie die Originalausgabe. Ein Pop-Phänomen, so ähnlich wie das Plattencover?

Ich bin eigentlich ganz froh, dass die Verlage das so machen. Es hat nur einen winzigen Nachteil, etwa bei Zadie Smiths jüngstem Roman Swing Time, der ja nicht bloß dasselbe Cover hat, sondern auf Englisch und Deutsch gleich heißt: Da kann man die deutsche von der englischen Ausgabe nicht auf den ersten Blick unterscheiden.
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Warum gibt es im geisteswissenschaftlich so reichen und einflussreichen deutschen Sprachraum keinen vergleichbaren Stellenwert des kulturellen Essays generell? Man denke im englischsprachigen Raum an Haushaltsnamen wie Susan Sontag, John Berger, Annie Dillard, Pico Iyer, Geoff Dyer oder eben Zadie Smith.

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es ist eine Frage, die ich mir oft stelle. KiWi (Verlag Kiepenheuer & Witsch; Anm.) verlegt eigentlich alle Bücher von Zadie Smith auf Deutsch und ihr erster Essay-Band verkaufte sich kläglich! Ich denke, diese Textgattung hat hier nicht so eine große Tradition wie in UK, Frankreich oder den USA. Jeder Schriftsteller im angloamerikanischen Raum, der etwas auf sich hält, veröffentlicht früher oder später einen Band mit Essays.
Manchmal denke ich, es könnte daran liegen, dass man im deutschen Sprachraum nicht so glücklich mit der kurzen Form ist. Kurzgeschichten laufen bei uns am Buchmarkt ja auch nicht so gut. Hierzulande muss alles gleich immer in die Breite und Tiefe gehen, habe ich manchmal den Eindruck.
Dabei fehlte es nicht an Autorinnen von Zadie Smiths Format. Juli Zeh fällt mir als Erste ein. Vielleicht hat der Erfolg von David Foster Wallace’ Essay-Band (Der Spaß an der Sache, Orig.: A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again, 2018; Anm.) hier eine Vorreiterrolle inne, denn der verkauft sich gut und wurde an allen wichtigen Stellen besprochen.
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Was ist für Sie das Außergewöhnliche an der Denkerin Zadie Smith?

Mich fasziniert, was sie mit ihrem unglaublich breiten Wissen anstellt.
Wenn Sie nun zum Beispiel diesen Essay über Joni Mitchell (Anmerkungen zum Thema Einstimmung, original: Notes on Attunement; Anm.) nehmen, wo sie zu Beginn eine total persönliche Geschichte über ihre anfängliche Abneigung und später erwachte Vorliebe für die Stimme von Joni Mitchell erzählt. Dann jedoch flicht sie in ihre Betrachtungen Seneca ein und exkursiert zu Kierkegaard, nur um am Schluss wieder zu Joni Mitchell zurückzukommen. Solche Gedanken-Volten finde ich ganz, ganz großartig. Und das macht sie gerade in den Essays aus Freiheiten sehr oft.
Es gefällt mir sehr, diese Wege mitzugehen. Man fragt sich dabei zwischendurch, wie sie jetzt in so eine ferne Assoziationswelt kommt, gelangt aber zur Erkenntnis: Es gab eigentlich gar keine andere Möglichkeit, als darauf zu kommen! Es liegt vollkommen auf der Hand. Warum haben wir das alle nicht gesehen?
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Tanja Handels ist Literarische Übersetzerin und Dozentin für Literarisches Übersetzen an der LMU München.

Ihre Übersetzungen und Neuübersetzungen schließen so unterschiedliche Autoren ein wie Ann Cleeves, John Grisham, Elizabeth Gilbert, Erica Jong, Virginia Woolf, Agatha Christie, Henning Mankell und Michelle Obama. 2019 wurde Tanja Handels mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet. Foto: Alessandra Schellnegger / SZFo

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www.tanja-handels.de

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