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Tania Blixen ::: Afrika, dunkel lockende Welt

Sie lebte ein Leben, wie geschaffen für Großleinwand und Lifestyle-Magazine: Eine Frau, die sich selbst erfand, die sich aus der Zufälligkeit des Lebens ein Schicksal erschuf und das Buch ihres Lebens mit Ausdauer und Stil schrieb. Ernest Hemingway war erklärter Fan ihrer Werke, allen voran Afrika, dunkel lockende Welt (Out of Africa, 1937 erschienen; auf Deutsch auch Jenseits von Afrika), 1985 als Hollywood-Schmonzette mit Meryl Streep und Robert Redford verfilmt. Auch ihre Weihnachtsgeschichten, Märchen und fantastischen Erzählungen fanden ihren Weg in die Bücherregale der Welt. Ihr Nairobi ist weniger eine objektiv existierende Stadt, als ein Ort in unserer kollektiven Seele, so wie Harrers Lhasa oder Kiplings Raj.

Karen (Tania) Blixen, 1885 – 1962

Baronesse Karen Blixen, alias Tania Blixen, alias Isak Dinesen, alias Pierre Andrézel war eine markante Erscheinung, besonders im hohen Alter: hauchdünn und in Wolfspelz und Tweed gekleidet; mit großen, sanften, in ihren Höhlen versunkenen Augen; nur noch Zigaretten, Champagner und Erdbeeren zu sich nehmend. Die Vergeistigung eines Lebens, das sie mit Nerven aus Stahl und kluger Empathie lebte, so beschrieb sie Truman Capote in einem Porträt. „Der Tod ist mein ältester Flirt“, erzählt sie dem amerikanischen Schriftsteller bei dieser Begegnung am Kaminfeuer im dänischen Rungsted.

Sich selbst sah sie als adelige Abenteurerin und „nordische Scheherezade“ und als ihr höchstes Gut die Freiheit der Lebensgestaltung. „Stolz“ ist ein Wort, das, höchst positiv konnotiert, in vielen ihrer Erzählungen vorkommt. Natürlich war sie mit solch einem Selbstbild nicht davor gefeit, ein Snob zu sein, und als sphinxhaftes, europäisches Geisteswesen mit einer höchst interessierten Weltöffentlichkeit zu kokettieren. Und das auch ihr Afrikabild zum Teil ein Abbild ihrer (kolonialistischen) Zeit war, fließt nicht immer angenehm in ihre Beschreibungen ein.

 

Die berühmte Blixen-Farm, nahe Nairobi

 

17 Jahre lang, von 1914 bis 1931, betrieb Tania Blixen eine Kaffee-Plantage in den Bergen Kenias. Eine lange Zeit, in der ihr Afrika zur Herzensheimat wurde, in der sie Liebe (Denys Finch Hatton) und Verlust (ihre Farm), Verrat (ihr Mann Bror von Blixen infizierte sie mit Syphilis) und Treue (der ergebene und wortkarge Diener Farah) kennenlernte und darüber in einem der schönsten Bücher des 20. Jahrhunderts Rechnung trug.

Afrika, dunkel lockende Welt ist Abschiedsbuch und Zeugnis einer fernen Welt: die britische High Society Nairobis; die Sitten der Kikuyu, der Suaheli, der Somali und der Massai; das Chiaroscuro der sich in blauer Distanz verlierenden Berge; Löwen, Gazellen und Elefanten; die Steppe aus einem Doppeldeckerflugzeug betrachtet; die heimliche Vormachtstellung der Nomadenfrauen; die große afrikanische Nacht mit ihren Stimmen und Geräuschen; das bedrückende, nie endenwollende Rauschen der Regenzeit. In Tania Blixens Buch erscheint Kenia wie ein wilder Garten Eden in einem edlen Urzustand, hinreißend schön und auch mitleidlos, aber trotz allem weit weg vom Europa des Krieges und der Fabriken.

 

Originalausgabe von Out of Africa

 

Tania Blixen erzählt manchmal sentimental, meistens mit kühlem Realismus, auf jeder Seite jedoch mit intensiver schriftstellerischer Gegenwart und Atmosphäre, die schon in den ersten Zeilen dieses modernen Klassikers gegenwärtig wird: „Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngongberge. Hundert Meilen nördlicher lief der Äquator durchs Hochland, aber die Farm lag in einer Höhe von über zweitausend Metern. Da spürt man tagsüber die Höhe, die Nähe der Sonne, aber die Morgenfrühe und die Abende sind klar und friedvoll, und die Nächte sind kalt.“

Ihr Afrika-Buch, so berührend, feinfühlig und liebevoll erzählt, ist immer auch eine Buchhaltung des Kampfes ums Überleben als Farmerin. Ein Kampf gegen Ernteverlust durch Dürre, Preisverfall, finanzielle Abhängigkeit, die drohende Schmach der Rückkehr nach Nordeuropa und damit verbunden, das Absinken ins bürgerliche Kleinkarierte, die seufzende Zufriedenheit mit Mittelmaß und Sonntagsbraten. Dieser aussichtslose Kampf wird wohl durch keine andere ihrer Geschichten so verbildlicht, wie der von der ungleichen Begegnung des Chamäleons mit dem Hahn. Wer das Buch kennt, wird wohl nicht anders als schaudernd daran zurückdenken.

Afrika, dunkel lockende Welt war ihr selbst auch das liebste ihrer Bücher, da es „von echten Dingen“ handle. Das Motto, das sie ihm voraussetzte: „Reiten, Bogenschießen, die Wahrheit sagen.“

 

 

Afrika, dunkel lockende Welt; 240 S.; im gebundenen Taschenbuchformat erschienen bei Manesse

 

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Published in Allgemein

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