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Jan Morris ::: The World

Von der walisischen Historikerin und Reiseschriftstellerin Jan Morris lässt sich so gut wie alles lesen. Nur bräuchte man dazu halt ein paar Jahre. Die Dame geht gerne in die Tiefe und in die Weite, wie ihre Pax Britannica Trilogie über die Geschichte des Britischen Empire.

Historisch tief gehen ihre bekannten Bücher über Oxford, Venedig und Triest. Gerade für letztere Stadt gilt Jan Morris als Spezialistin (Trieste or the Meaning of Nowhere, erschienen 2001 bei faber&faber und wie fast alles von Jan Morris skandalöserweise nicht auf Deutsch übersetzt).

Sie gestand in einem Interview, dass sie sich nach ihrem Tod als Geist im Schloss Miramare sehen könnte, so vertraut und wichtig sei ihr die Küste von Triest, dieser melancholischen, von der Bora zerzausten Hafenstadt, die sich vor der porösen Berglandschaft des Karst ausbreitet und zwischen zwei kulturellen Welten verortet, zugleich aber von beiden abgewandt ist.

Nicht unähnlich der Autorin selbst, die 1926 als James Morris geboren, sich jedoch ab den späten sechziger Jahren zur Frau umwandeln ließ und diese physische und emotionale Metamorphose in ihrem Buch Conundrum beschrieb.

Jan Morris’ wundervolles Trieste or the Meaning of Nowhere.

James Morris war übrigens 1953 derjenige Reporter, der die Welt von der geglückten Besteigung des Mount Everest in Kenntnis setzte. Als Edmund Hillary und Tenzing Norgay als erste am höchsten Punkt der Erde standen, war es Morris, der eiligst und alleine über den Khumbu-Gletscher abstieg und einem Läufer die codierte Erfolgsnachricht („snow conditions bad (= Gipfel erreicht) stop advanced base abandoned (= Hillary) yesterday stop awaiting improvement (= Norgay)“) auf den Weg zum nächsten Drahtnachricht-Sender in Kathmandu mitgab und somit dafür sorgte, dass die Ersteigung des Everest zeitgleich mit der Krönung Elisabeths II gefeiert werden konnte. Zum größeren Ruhm des Empire.

Dem britischen Herrschaftsanspruch über weite Teile unserer Erde stand Jan Morris gerade als Waliserin auch kritisch gegenüber, besonders dem Falkland Krieg; sie sah sich zeitlebens als Teil des akademischen Betriebes in Oxford, aber auch als Frau des einfachen Volkes; sie schrieb als Journalistin regelmäßig sowohl für die altehrwürdig-behäbige Times als auch für den linksliberalen Guardian.

 

The World (Travels 1950 – 2000) von Jan Morris, erschienen 2003 bei W.W. Norton & Co.

 

Immer wieder kommt in ihren Büchern die Idee einer „vierten Welt“ vor – die der Weltbürger: „In dieser Diaspora gelten als einigende Charakterzüge Humor und Verständnis. Unter solchen Leuten kannst du dich sicher fühlen, denn sie werden dich nicht aufgrund deiner Nationalität, deines Glaubens, deines Geschlechts oder deiner Herkunft verspotten oder gar aussondern. Sie sind nachsichtig, einfühlsam, lachen schnell, sind stets dankbar und nie gemein. Sie sind Exilanten in ihrer eigenen Gemeinschaft, weil sie immer in der Minderheit sind, dabei könnten sie eine mächtige globale Nation bilden, wenn sie es nur wüssten.“

Betagt, bewandert, belesen und als die britische Instanz des Travel Writing schlechthin berühmt, veröffentlicht Morris kaum mehr etwas. Umso erfreulicher nun die Entdeckung ihrer gesammelten Reportagen und Aufzeichnungen aus wahrlich aller Welt, unter dem ebenso schlichten wie erschlagenden Titel: The World (Travels 1950 – 2000).

Der Wälzer vereint Stadtporträts, Straßenszenen, kulturelle Reflektionen, politische Beobachtungen aus dem Kalten Krieg und poetisches Lokalkolorit aus Manhattan, Hongkong, Oman, Iran, der Karibik, Berlin, Paris, Delhi, Cuzco, Wien, Toronto und so weiter und noch viel weiter. Buch aus dem Regal nehmen, irgendwo aufschlagen und – in bester Gesellschaft – reisen!

Sozusagen als aperçühaftes Postskript sei der geneigten Leserin und dem geneigten Leser der vergleichsweise schmale Band Contact! ans Herz gelegt, in dem Jan Morris wirklich nur kurze, blitzhafte Eindrücke und Begegnungen rund um die Welt in Erinnerung ruft.

 

 

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Published in Allgemein

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