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John le Carré ::: Der Taubentunnel

 

 

Mir hat es gerade Der Taubentunnel angetan, auf englisch The Pigeon Tunnel, die Autobiografie von John le Carré (bürgerlich David Cornwell), ein höchst amüsanter Blick hinter den Vorhang weltpolitischer Machtspiele. Über das Buch habe ich im deutschsprachigen Feuilleton noch erstaunlich wenig gelesen – zumal es doch sein bestes Buch seit A Most Wanted Man (2008) ist.

 

David Cornwells Landhaus an der Steilküste nahe St. Buryan bei Land’s End in Cornwall. Hier entstanden die meisten seiner geistreichen Bestseller. ©Nadav Kander

 

Kaum hat Cornwell widerwillig seine 700-Seiten-Biografie von Adam Sisman abgesegnet (erschienen 2015), setzte sich der Meister ans Kaminfeuer und brachte die einprägsamsten und skurrilsten Anekdoten aus seinem reichen Leben im diplomatischen Dienst und auf der Bühne der Weltliteratur noch einmal selbst zu Papier. Das Ergebnis deckt fast alle Kontinente ab, und offenbart in erster Linie Haltung: die eines unabhängigen, aufrichtigen Beobachters der politischen Welt.

Wie vehement sich der notorisch zurückgezogene Schriftsteller gegen die geistige und die tatsächliche Verminung der Welt durch einen hochexplosiven Raubtier-Kapitalismus wendet, diese für Leser von le-Carré-Thrillern wie Der Spion, der aus der Kälte kam, Das Russlandhaus, Der ewige Gärtner oder Der Nachtmanager nicht unerwartete Seite zeigte er etwa in der Sendung Democracy Now!: Dort verlas er seinen politischen Essay mit dem Titel The US Has Gone Mad. Ebendiese leidenschaftliche wie bodenständige Integrität tritt in Der Taubentunnel als durchgängiger Erzählton zu Tage.

Den Titel seiner Autobiografie bezieht Cornwell, der gegen Ende der 1950er Jahre im Nachrichtendienst Ihrer Majestät tätig war, von einer Schießanlage in Monte Carlo – einer der illustren Orte die er in seiner Kindheit mit seinem hochstaplerischen und kleinkriminellen Vater Ronnie besuchte. Dort konnten Sportschützen Tauben schießen, die vom Dach eines Hotels aus durch eine Rohrleitung gescheucht wurden. Wurden Vögel verfehlt, kehrten diese umgehend, und ganz von sich aus, wieder in ihren Kobel zurück, um erneut als moving targets auszufliegen.

Buchbesprechung und Auszüge im Guardian.

Kurzauftritte in Cornwells Memoiren haben ein theatralischer und trinkfester Richard Burton; ein nicht weniger theatralischer Yassir Arafat mit weichem, nach Babypuder duftendem Stoppelbart; eine sich wehleidig in Gefühllosigkeit flüchtende Margaret Thatcher und der überbescheidene und liebenswürdige Alec Guinness, der in der BBC-Serie Tinker, Taylor, Soldier, Spy le Carrés bekannteste Figur George Smiley verkörperte. Auch der spinnenhaft die Fäden hinter den Weltgeschicken ziehende Rupert Murdoch lädt den Bestseller-Autor zum Lunch. Dieser revanchiert sich dafür mit der neutralen Charakterstudie eines misanthropischen James-Bond-Bösewichts.

Nun liegt auch ein Hörbuch auf elf CDs vor, vom Autor und Raconteur mit markantem ’s’ und Joachim-Fuchsberger-Bariton eingelesen; übrigens auch in der deutschen Fassung, schließlich ist Cornwell Liebhaber klassischer deutscher Literatur und lebte jahrelang in Bonn, Wien, Zell am See und der Schweiz.

 

John Le Carré ::: The Pigeon Tunnel (Originalausgabe) (2016; Viking; 365 S.; 24,79€)

 

 

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Published in Allgemein

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