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HIGHWAY TO HEAVEN: Ladakh

Drei Wochen unterwegs im Himalaya. Bericht einer atemberaubenden Jeep-Reise durch Spiti Valley nach Ladakh, das Land der hohen Pässe und hohen Lamas. Teil 2: Leh, Hemis und der Dalai Lama.                                                                  



Fotos: Julie und Knut Rakus

  1. August 2009

Aufbruch in Spiti Valley (siehe Teil 1) bei Morgengrauen und Abschied von der alten Dame. Die Rumpelpiste schüttelt unsere Knochen durch. Tomatenomelette und Ginger-Lemon-Honey in einem kleinen Roadside-Lokal. Während unserer Essenspausen sitzt Rozan stets an einem anderen Tisch und unterhält sich mit den Einheimischen oder raucht ruhig. Dann geht die Fahrt über einen 5.000er Gletscher und einen Hochlandsee in der Mondlandschaft des Chandratal-Valleys über staubige Pisten und an einem betongrauen Fluss entlang wieder hinunter in die Täler nördlich von Manali, bis es wieder grüner wird und aussieht wie im Alpbachtal, nur sind die Berge hier doppelt und dreifach so massiv und gewaltig.

Was man unbedingt nach Asien mitnehmen sollte und dort in ausgiebigem Maße auch noch nachträglich üben kann, ist Geduld. Was bleibt einem schon anderes übrig, wenn man sich vorsichtig und mit stetem Hupen durch eine riesige Herde Schafe vorarbeitet. Man kann auch beginnen, sie zählen, und schon ist man eingeschlafen.
Was man unbedingt nach Indien mitnehmen sollte und dort in ausgiebigem Maße auch noch nachträglich üben kann, ist Geduld. Was bleibt einem schon anderes übrig, wenn man sich vorsichtig und mit stetem Hupen durch eine riesige Herde Schafe vorarbeitet. Man kann auch beginnen, sie zählen, und schon ist man eingeschlafen.

 

Hier regnet es und Nebelfetzen ziehen über die dunkelgrünen Bergflanken. Wir durchqueren überquellende Furten, hupen uns durch Schafsherden und an frei galoppierenden Lastpferden vorbei. Als es immer regnerischer wird und wir Gegenden passiert haben, die aussehen wie das Defreggental und dann wieder wie die Alpes Maritimes, halten wir zur Übernachtung in Keylong, wo schon ein gefährlicher Alkohol-Vibe in der Luft liegt: heute ist Indiens 62. Nationalfeiertag.

 

Feldmarschall Rakus gebietet die Erwählung einer Herberge, nur um mich dann wie einen wandelnden Witz anzusehen weil die in bestechendem Türkis gestrichene Pension das Bad im Gang hat und zweimal 350 rps (!) kostet. Als dann aber der junge Kellner ein Beatles-T-Shirt anhat und man uns ein schmackhaftes Essen auf der Veranda serviert, ist die Welt wieder in Ordnung und außerdem gewinnt er glorreich beim UNO-Spielen.

 

  1. August

Tief, fest und sehr erholsam geschlafen in meinem türkisen Raum. Draußen brennt schon die Sonne auf die Berge, an deren Hängen die Kaskaden frühlingszwiebelgrüner Reisfelder herabfallen. Probleme mit der Höhe habe ich keine; nur ab und an einen Anflug von Unwohlsein und einen leichten Druck hinter der Stirn. Alles – Atmen, Denken, Gehen – ist anstrengend und die Sonne knallt schon um zehn Uhr mächtig auf die Haut. Weiße Schmetterlinge purzeln über unserer Veranda durch die dünne Luft.

 

Rozan erscheint heute strahlend, frisch rasiert und coiffiert in einem brandneuen The Northface-Overall. Wir frühstücken bestens gelaunt Banana-Porridge, Marmelade-Toasts und Pancakes und fahren vorbei an zahllosen indischen Alkoholleichen am Straßenrand hinauf Richtung Grenze nach Jammu-Kaschmir. Unterwegs rasten wir an einem Flussufer am Fuße der eindrucksvollen, leicht begrünten Massive. Wir können uns heute Zeit lassen, weil die Strecke von hier bis Leh nicht an einem Stück zu bewältigen ist und wir die Nacht in der Einöde am Beginn der Hochwüste von Ladakh verbringen werden.

 

Die erste von drei Chai-Pausen verbringen wir im Zelt der wahnsinnig hübschen Mutter eines zweijährigen Buddha-Babys. Wir verlassen nun langsam das spärlich begrünte Indien des Bartha-Tales, dessen Straße sich einen 5.000-Meter-Pass hinaufwindet. Ich fühle mich wie auf angenehmen Betäubungsmitteln: müde, fast faul; fiebrig träumerische Wahrnehmung der verwischten Zirbelwolken im weltraumnahen, sauerstoffarmen Blau.

Die karge Landschaft und die Wolkenschatten, die sich majestätisch über sie hinwegbewegen, haben eine spürbar beruhigende Wirkung auf den Geist. Schön, dass der nächste McDonald’s sehr, sehr weit weg ist.
Die karge Landschaft und die Wolkenschatten, die sich majestätisch über sie hinwegbewegen, haben eine wohltuende Wirkung auf den Geist. Schön, dass der nächste McDonald’s sehr, sehr weit weg ist.
An der südlichen Grenze Ladakhs. Der Metallgehalt des Gesteins setzt bei der Oxydation Farbkombinationen frei, die von beige über violett bis schwarz reichen. Darüber das klare Tiefblau des Himmels am „Vordach der Welt“.
An der südlichen Grenze Ladakhs. Der Metallgehalt des Gesteins setzt bei der Oxydation Farbkombinationen frei, die von beige über violett bis schwarz reichen. Darüber das klare Tiefblau des Himmels am „Vordach der Welt“.
Nachdem die Pässe zwischen Himachal Pradesh und Jammu-Kaschmir überwunden sind, finden wir uns am Ladakhischen Hochplateau wieder. Im Osten schließt es an Tibet, im Nordwesten an das pakistanische Kaschmir und Baltistan, im Süden an Spiti und Lahaul an. Die Zeltstädte, wie hier am Bild, bieten dem Reisenden Rast, Momos (gefüllte Teigtaschen) und Chai (süßen Gewürztee mit Milch).
Nachdem die Pässe zwischen Himachal Pradesh und Jammu-Kaschmir überwunden sind, finden wir uns am Ladakhischen Hochplateau wieder. Im Osten schließt es an Tibet/China, im Nordwesten an das pakistanische Kaschmir und Baltistan, im Süden an Spiti und Lahaul an. Die Zeltstädte, wie hier am Bild, bieten dem Reisenden Rast, Momos (mit Fleisch oder vegetarisch gefüllte Teigtaschen) und Chai (süßer Gewürztee mit Milch).

Schlucke Julies ayurvedische Medizinkügelchen gegen Schwellungen, trinke über den Nachmittag verteilt anderthalb Liter Wasser und bemerke wie die Landschaft langsam zu dem Ladakh wird, das ich aus Fotobüchern kenne, mit seinen scharfen visionären Umrissen der Berge in ihren verschiedenen Braun-, Beige-, Rost- und Schwarzschattierungen. Witterungen und Stimmungen wechseln schnell mit dem starken Wind. Ein kurzer kalter Regenschauer verwandelt einen Gesteinshang im Gegenlicht in ein Diamantenfeld. Dann spannt sich ein riesiger Regenbogen über den weißen Zeltlagern. Wir übernachten in einem von drei Camps, nahe Sarchu, spielen UNO und sehen Sterne. Viele, viele Sterne.

Das schwarze kleinen Zelt direkt unterm Regenbogen würde man Wilden Westen als Outhouse bezeichnen. Was darin aber für finstere Geschäfte verrichtet wurden, brachten wir nicht in Erfahrung, denn wir hatten unser eigenes Klo im (weißen) Zelt.
Das schwarze kleinen Zelt direkt unterm Regenbogen würde man Wilden Westen als Outhouse bezeichnen. Was darin aber für finstere Geschäfte verrichtet wurden, brachten wir nicht in Erfahrung, denn wir hatten unser eigenes Klo im (weißen) Zelt.

 

 

  1. August

Über dem Essenszelt hängt ein Schild ”Dinning“. Da freuen wir uns, dass über dem Kochzelt nicht ”Kittchen“ steht. Überhaupt legen die Inder einen kreativen  Charme im Umgang mit der englischen Sprache an den Tag, der sich auch in Verkehrshinweisen niederschlägt: “If you are married, divorce Speed” und “After drinking Whisky, driving is risky”. Um 9:30 verlassen wir das Camp und fahren schweigend in die ebenfalls schweigenden Berge bis wir zwei Pässe à 5.000 Meter passiert haben. Der zweite, Taglang La, ist mit 5.328m der zweithöchste befahrbare der Erde.

Hier wird die Luft dünn und der Kopf dumpf. Das Herz pumpt. Knut und ich bespielen uns (dank vorsorglich mitgebrachtem Splitter-Adapter) PingPong-Style mit Tracks von seinem iPod, Julie chillt vorn und sieht sehr foxy aus. Wir rasten bei Chai-Buden, naschen zu viel und verschenken Veggie-Cracker an Straßenarbeiter. Weiche Wolken werfen schnelle Schatten auf die beige-weißen Berge.

Gegen 14:00 Uhr rattert unser Scorpio über die Grenze nach Jammu-Kaschmir. Während Knut eine Unterkunft, die er in guter Erinnerung hat, ausfindig macht, besuchen Julie und ich die Klöster Thiksey und Shey, unterhalten uns mit Mönchen und genießen die kühle Stille in den Gebetsräumen. Draußen fegt der Hitzewind über das grüne, flache Tal mit seinen Mosaiken aus ovalen Ackerfeldern.

 

Am Busbahnhof von Leh verabschieden wir uns von Rozan, der ganze Arbeit geleistet hat: Wir leben. Knut hängt ihm einen weißen, seidenen Ehrenschal (Katta) um und er erhält ein stattliches Trinkeld. Namasté!

Wir checken ins Hotel ein, gleich ums Eck von Bücherläden, T-Shirt-Shops und Antiquitätenhändlern. Nach einer sehr willkommenen, dank Wassertanks am Hoteldach zeitlich unbegrenzten Dusche richte ich mich in meinem Zimmer ein und später gehen wir in die internationale und hippieske Stadt bummeln und fein tibetisch abendessen. Angenehme Tage stehen uns bevor.

Die Straße von Leh nach Alchi. Die Weite der Berglandschaft Ladakhs kommt dem On The Road-Gefühl sehr entgegen. Es mag an der dünnen Luft liegen, aber sich frei wie der Wind zu fühlen, ist hier ganz leicht – sofern Reisekasse und Verdauungssituation es gestatten.
Die Straße von Leh nach Alchi. Die Weite der Berglandschaft Ladakhs kommt dem On-the-Road-Gefühl sehr entgegen. Es mag auch an der dünnen Luft liegen, aber sich frei wie der Wind zu fühlen, ist hier ganz leicht – sofern Reisekasse und Verdauungssituation es gestatten.

 

  1. August

Um halbacht von Enfield-Motoren unter meinem Zimmerfenster geweckt. Kein Wunder, denn ich wohne direkt über einem Motorrad-Verleih. Lese die Times of India vom Sonntag und gehe mit Julie und Knut zum Frühstück in den Penguin Garden. Neben Omelette und Espresso gibt’s hier auch Yak-Käsetoast (schmeckt wie milder Camembert vom Schaf) und, zu meiner großen Freude, HP-Grillsauce.

Leh mag ich. Es sind zwar schon viele Reisegruppen und Traveller hier, aber dennoch: eine zauberhafte Stadt mit regem, kosmopolitischem Flair und vom geografischen Gefühl her ganz was anderes als Himachal Pradesh: Wir befinden uns auf der Lee-Seite des Himalayas, am Vordach der Welt. Schön, hier zu sein.

Die Altstadt von Leh.
Die Altstadt von Leh.

 

  1. August

Dicke Militärbrummer fliegen um 7:00 Uhr über Leh hinweg. Ich bleibe gleich wach und schaue lange aus dem Fenster über die ranken, elegant flirrenden Pinien, die überall in der Stadt wachsen und über die gleißenden Schneegipfel am Horizont. Einer davon, Stok Kangri, ist der am leichtesten zu besteigende 6000er der Ladakh Range. Der Tag fließt ruhig dahin. Nach einem Penguin Garden-Frühstück – jetzt schon ein Klassiker! – geben wir uns eine Filmvorführung im Haus der Womens’ Agricultural Society und eine anschließende Diskussion mit der Regisseurin und Autorin Helena Norberg-Hodge über den Einfluss des westlichen Tourismus auf das beschauliche und glücklich-einfache Bauernland: Die Versuchungen des westlichen Lebensstandards, die Übermacht der Konzerne, der Einsatz verbotener aber billiger Pestizide zur Ertragssteigerung und das generelle Problem der expansiven Unzufriedenheit des europäisch-amerikanischen Way of Life, der auf einen homogenen, familiär-spirituellen Lebensraum wie Ladakh verheerende Auswirkungen hat. Die Relation Locals / Touristen beträgt im Sommer 2009 bereits 1:5. Etwa 40 junge bis mittelalte Westler schämen sich nach dem Film für ihr unwissendes und stereotypes Verhalten und geloben heimlich alsbaldige Besserung.

Wir drei gehen zuerst einmal nach Hause telefonieren (die Zeit der dauernden Erreichbarkeit durch Handies ist noch nicht angebrochen), und zwar in einem Loch in der Wand, das von einem „Friend“ betrieben wird, der täglich vor einer Clownuhr mit verschiedenen Zeitzonen die unglaublichsten Gespräche und Szenen ohne Untertitel vorgeführt bekommt.

 

  1. August

Ich war heute in Hemis, westlich der kleinen Stadt Karhu. In der Früh begleitet mich Knut via German Bakery (Frühstückserwerb) zum Bus, der bereits zehn Minuten vor seiner Abfahrtszeit knackevoll ist. Julie hat sich trotz unserer Warnungen gestern mit Papaya-Smoothies und Salat den Magen verdorben. Vorsätzlich quasi. Als Trost habe ich ihr ein Tintin in Tibet-Comic geschenkt. Gute Klolektüre … Knut bleibt heute bei ihr im Guesthouse.

 

Hemis liegt versteckt hinter einer Felsflanke, die aussieht wie ein umgestürztes Stück Nougat-Schichttorte und oberhalb eines grünen, baumbewachsenen Ackerlandes mit Eseln und Kühen. Vom Innenhof, in dem drei Fahnen dumpf und weich im Wind flappen, sieht man die Wolken blitzschnell hinter dem zackigen Berg über dem Kloster hervorflitzen. Ich sitze lang im Aufgang zur Zelle eines Mönches, der trommelt, psalmiert und ab und zu einen klaren, bronzenen Glockenton in die Liturgie einbringt.

Mönch in der Bibliothek des Klosters Thiksey / Ladakh.
Mönch in der Bibliothek des Klosters Thiksey / Ladakh.

Es ist abwechselnd knallheiß oder herbstlich kühl, je nachdem ob die Wolken gerade aus der Sonne weichen oder ihre eiligen Schatten übers Tal werfen. Die Aussicht ist endlos schön: Das Chiaroscuro der beige-weißen Bergrücken in Richtung Tibetisches Hochplateau, darüber der bleichblaue Himmel. Schönes Ladakh.

 

Im Keller des Klosters gibt es ein Museum mit Schätzen aus alten Zeiten: Rinpoche-Szepter, Reisethermoskannen aus Holz und Metall, die fahrende Lamas im 16. Jhdt. verwendeten, Schneeleoparden- und Tigerfelle und eine Schwarzwälder Kuckucksuhr, genannt “German Clock“, offenbar ein Geschenk des bayrischen Geographen und Himalaya-Forschers Hermann Schlagintweit.

Statue des Buddha Maitreya in Thiksey.
Statue des Buddha Maitreya in Thiksey.

Beim Rückweg nach Karhu (ich habe den einzigen Bus des Tages versäumt) begegne ich reisigsammelnden oder burgunderrote Wäsche waschenden Kinder-Mönchen. Der Wind wogt im trocken und hohl aussehenden Grün der bauschigen Gerstenfelder und Grillen zirpen. Hoher Sommer.

 

  1. August

Der Tag beginnt grau und endet orange. Dazwischen liegen Stunden, die wir ganz im Hier und Jetzt verbracht haben. Nur so kann man den Dalai Lama erleben. Die starke Ruhe, die er ausstrahlt, die altersgedämpfte Quirligkeit und sein aufsprudelndes Lachen. Die Zuversicht, die er seinem Exilvolk und all seinen Zuhörern schenkt. Im Morgengrauen nehmen wir gemeinsam mit einem französischen Fotografen und einem zahnlosen, urlieben Großmütterchen ein Taxi bis zum Flüchtlingslager in Choglamsar bei Leh. Irgendwann bleiben wir im Stau der Autos und der Fußgänger stecken, steigen aus und schwimmen mit der Menge mit, hin zu einem großen Feld, auf dem sich etwa 40.000 Menschen einfinden, um einer viertägigen philosophischen Lektion des Dalai Lama zuzuhören.

Einmal pro Jahr kommt der Dalai Lama nach Ladakh, einst die westlichste Provinz Tibets. Zu diesem Anlass pilgern an die 40.000 Mönche, Nonnen, Ladakhi-Bauern, indische Buddhisten und westliche Reisende in das tibetische Flüchtlingslager in Choglamsar bei Leh.
Einmal pro Jahr kommt der Dalai Lama nach Ladakh, einst die westlichste Provinz Tibets. Zu diesem Anlass pilgern an die 40.000 Mönche, Nonnen, Ladakhi-Bauern, indische Buddhisten und westliche Reisende in das tibetische Flüchtlingslager in Choglamsar bei Leh.

Am nördlichen Ende des Rasens steht eine königliche Tribüne mit Baldachin und Potala-Fahne, der Wind kämmt sanft durch goldenen Wimpeln, Stoffbahnen und Thankas. Die Menge davor ist unterteilt in Mönche und Nonnen (burgunderrot, orange, konzentriert, ergriffen, dankbar), Ladhakis (erdig bunt, traditionell, still, dankbar) und westliche Traveller (grellbunt, laut, undiszipliniert, nicht undankbar). Alte gezopfte Omis füttern und wiegen ihre Enkel am Schoß und lauschen der entschiedenen und raschen Phrasierung Seiner Heiligkeit, dauerberuhigt von seinem raunenden, resonanzreichen Bariton. Da stürmt plötzlich ein rüstiger, germanischer Firmenchef mit Familienanhang in Bergsteigergewand die Sitzflächen rechts der Tribüne mit kernigen Eroberersprüchen. Neben mir zupft sich eine Punk-Lesbe aus Tel Aviv mit einer Pinzette sage und schreibe die Beinhaare aus, während drei Meter weiter hinter der Absperrung elfjährige Mönche mit Sonnenstich kollabieren. Die Hitze dominiert den Ort ebenso wie eine, alles in allem, doch sehr friedvolle Stimmung. Die englische Synchronübersetzung tönt dumpf aus großen Boxen.

Nonnen und Mönche bei der Vorlesung des Dalai Lama in Choglamsar. Man beachte den Ausdruck von Hingabe an den Moment in den Gesichtern. Nicht umsonst ist der tibetische Beiname Seiner Heiligkeit „Kundün“, was soviel wie „Gegenwart“ bedeutet.
Nonnen und Mönche bei der Vorlesung des Dalai Lama in Choglamsar. Man beachte den Ausdruck von Hingabe an den Moment in den Gesichtern. Nicht umsonst ist der tibetische Beiname Seiner Heiligkeit „Kundün“, was soviel wie „Gegenwart“ bedeutet.

Ergreifende Augenblicke: das schnelle tausendfach gemurmelte Om Mani Päme Hong, die Ankunft seiner Heiligkeit mit langsamen, fast militärischen Paukenschlägen und dem schrillen Chor der Dudelsäcke, die klingen wie ein brennender Kindergarten, das Nahen der gelben Sänfte mit dem von allen geliebten Mönch darin, die Segnung der Menge.

Seine Heiligkeit, der Dalai Lama – sichtlich in die Jahre gekommen, aber stets bereit, in allen Lebenssituationen das Humorvolle zu finden. Vier Tage lang sprach er von 9:00 bis 13:00 Uhr auf Ladakhi über den Weg des Buddha Avalokiteshvara (in Tibet Chenresi genannt), den Buddha der Barmherzigkeit, dessen Inkarnation er selbst ist.
Seine Heiligkeit, der Dalai Lama – sichtlich in die Jahre gekommen, aber stets bereit, in allen Lebenssituationen das Humorvolle zu finden. Vier Tage lang sprach er von 9:00 bis 13:00 Uhr auf Ladakhi über den Weg des Buddha Avalokiteshvara (in Tibet Chenresig genannt), den Buddha der Barmherzigkeit, dessen Inkarnation er selbst ist.

Des Dalais heutige Lektion über das Bodhichitta und den Weg des Buddha Avalokiteshvara, des Buddhas des Mitgefühls: Hilf Tieren, wo und wann immer du kannst, versuche sogar mit den Dämonen, die dich quälen (Sehnsucht, Eifersucht, Gier, Ehrgeiz) Mitleid zu haben. Am zweiten Tag ist die Stimmung unter den Foreigners auch schon ruhiger und die Aufmerksamkeit größer, obgleich sich wieder ein paar Kalifornierinnen mit im Tank Top wogendem Busen einfinden. Die meisten Leute sind aber wegen der Hitze komplett verhüllt und wir sehen alle aus wie unsere eigenen privaten Zelte.

In Himachal Pradesh begegneten wir einer alten Pilgerin, die in Begleitung eines Mönches und einer Nonne die mühselige Reise zum Ladakh-Besuch des Dalai Lama machte. Diese alte Frau mit Gebetstrommel bei der Lesung des Dalai Lama in Choglamsar mag eine ähnliche Odyssee hinter sich gebracht haben.
In Himachal Pradesh begegneten wir einer alten Pilgerin, die in Begleitung eines Mönches und einer Nonne die mühselige Reise zum Ladakh-Besuch des Dalai Lama machte. Diese alte Frau mit Gebetstrommel bei der Lesung des Dalai Lama in Choglamsar mag eine ähnliche Odyssee hinter sich gebracht haben.

Beim Abendessen werde ich über die roten Freundschaftsbänder, die der Dalai Lama geweiht hat und die in der Menge verteilt wurden, aufgeklärt: eines davon hat mir Knut ans Handgelenk gebunden. Also nicht abnehmen und den Knopf darin nicht aufmachen! Ich habe dafür bereits geschlagene 15 Minuten gebraucht.

 

Nonne in Choglamsar.
Nonne in Choglamsar.

 

 

26. August.

Es regnet. Kein Pritscheln, sondern das Trommeln feiner Fingerchen auf den Flachdächern der Oasenstadt im Westhimalaya. Heute fahren wir mit einem Chauffeur, dem ich wegen meiner Morgenmuffelei zunächst nicht traue, der sich aber schnell als guter Fahrer und liebenswerter Zeitgenosse outet, nach Likir und Lamayuru. Insgesamt sechs Stunden Jeep über ärgste Bergstraßen. Dhal- und Aprikosenfrühstück in einem Dorf bei einem Pappelhain.

Aprikosen gehören zu den wenigen Obstsorten, die in 3.500 Meter Höhe noch wachsen und, frisch oder getrocknet, fixer Bestandteil der täglichen Ernährung sind. Die Bäuerin ist eine in einer langen Reihe von Aprikosenverkäuferinnen am Straßenrand auf dem Weg nach Kargil.
Aprikosen gehören zu den wenigen Obstsorten, die in 3.500 Meter Höhe noch wachsen und, frisch oder getrocknet, fixer Bestandteil der täglichen Ernährung sind. Die Bäuerin ist eine in einer langen Reihe von Aprikosenverkäuferinnen am Straßenrand auf dem Weg nach Kargil.

Wir werden Zeuge der Bergung eines abgestürzten LKWs, dessen Fahrer den Göttern sei Dank noch leben. Sechstausender rundherum, die Berge sind hier zackig und wild zerrissen, purpurn und violett, allesamt unzugänglich und das Überdimensionalste, Entrückteste, der Welt der Menschen Fremdeste was ich je gesehen habe. Lamayuru selbst, das Pate stand für das legendäre Shangri-La in James Hiltons Lost Horizon ist ein düster-weltferner Ort der Vergeistigung. Schöner heller Gebetsraum, der alles Tageslicht durch einen milchig verglasten Dachüberbau einlässt. Butterlampen mit ihren regungslosen Flämmchen, goldene Buddhas und Rinpoche-Figuren, Krawattenbanner, Regale mit Schriftrollen, Wandgemälde in intensiven aber geschmackvollen Farben.

 

Als der Himmel langsam aprikosenfarben wird und wir uns an die Rückfahrt nach Leh machen, verwandelt die goldene Abendsonne die Bergwelt in ein heiliges Land. Nicht gelobt, das wäre zu laut. Eher still gepriesen.

 

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Weiterführende Literatur:

M.L.A. ‘Ganpat’ Gompertz ::: Magic Ladakh (Seeley, Service & Co.; 1928)
Heinrich Harrer ::: Ladakh – Menschen und Götter hinterm Himalaya (Pinguin Verlag; 1978)
Andrew Harvey ::: A Journey in Ladakh (Houghton Mifflin; 1983)
Helena Norberg-Hodge ::: Ancient Futures – Learning from Ladakh (Sierra Club Books; 1991)
Jaroslav Poncar ::: Ladakh 1974 to 2008 – A Photographic Homage (Serindia; 2010)
Peter van Ham ::: Heavenly Himalayas (Prestel; 2010)
Charlie Loram ::: Trekking in Ladakh (Trailblazer Publications; 2004)
Abram Pointet ::: Ladakh Zanskar Travel Map 1:300 000 (Olizane; 2010)
Pico Iyer ::: Heaven’s Gate (Travel-Essay im New York Times Style Magazine)