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PRINZESSIN IN DER SCHNEEKUGEL

‘Romy – Porträt eines Gesichts’ von Hans-Jürgen Syberberg ist eine schwarzweiße Kostbarkeit des cinéma vérité. Im Jänner 1967 erstausgestrahlt, verschwand der Film auf Wunsch seiner Protagonistin im Archiv. Im November 2016 lief er in frisch restaurierter Fassung bei der Werkschau To Save and Project des MOMA in New York. Der Film ist nicht nur eine einmalig persönliche Momentaufnahme Romy Schneiders, er ist ein kristallenes Prisma, durch welches die Risse zwischen Persönlichkeit und Berühmtheit schmerzhaft klar ans Licht treten.

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In Hans-Jürgen Sybergs Dokumentarfilm Romy – Porträt eines Gesichts begegnen wir einer jungen Frau, die viel mit sich selbst durchmacht. Rosemarie Albach heißt sie, Romy Schneider ist aus ihr geworden. Filmstar ist sie, eine ernsthafte Bühnenschauspielerin will sie werden. Als Kaiserin Elisabeth von Österreich war Romy über das Original hinaus- und damit vielen Menschen ans Herz gewachsen. Stürmisch und von strahlendem Sonnenschein durchflutet waren ihre Jahre zuvor, nun, im Februar 1966, auf einem Skiurlaub in Kitzbühel, entscheidet sie, „dass alles anders werden muss. Ganz anders!“

Syberberg war Mitte der Sechziger ein gerade dreißigjähriger Kulturchronist mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund, der sich mit einem spontan dem Verlauf der Begegnung folgenden Porträt über Theaterlegende Fritz Kortner einen Namen gemacht hatte. Das Angebot dreitägiger Dreharbeiten zu einem Fernseh-Einstünder interessierte ihn. Thema: die Künstlerin hinter dem punschkrapfen-pinken Sissi-Kitsch, die in Frankreich flügge geworden war, mit Preminger, Welles und Visconti gearbeitet hatte und nun ein kleiner, aber besonders blitzender Stern am Film-Firmament war.

Syberberg nahm die Auftragsarbeit für die Abendschau des BR an und reiste mit einem zweiköpfigen Kamera-Team (Klaus König, Kurt Lorenz) im mondänen Kitzbühel an. Dort logierte Romy Schneider am Sonnberg, im Hause des Prinzen Ferdinand von Liechtenstein für einen Monat zum Skifahren. Ihr Lebensgefährte und Manager Harry Meyen, den sie im Sommer dieses Jahres heiraten würde, weilte zu dieser Zeit in Berlin. Die Kulisse war bereitet.

 

Die ersten Szenen des Films bauen unsere Erwartung auf: der Butler deckt den Frühstückstisch. Keine Musik, nur das leise Klimpern des Bestecks ist zu hören und dann: Auftritt Romy, die ein fröhliches „Grüß Gott“ in den sonnenhellen Raum ruft. Im Hintergrund ihr  Privatskilehrer (Karl Koller jun. von den Roten Teufeln, der Sohn des Skischulgründers), dem sie ein verschwörerisches Lachen zuwirft, als sei es auch für sie eine seltene Aufregung, dass ein Filmteam anwesend ist; er lächelt verlegen direkt in die Kamera. „Willst no an Kaffee ham?“ fragt der Star den Skilehrer; es wird nicht das letzte mal sein, und jedesmal wird er dankend ablehnen: Weil es schon so spät sei, (ein leiser sportlich-bürgerlicher Vorwurf ist nicht zu überhören) habe er schon bei seiner Familie gegessen.

Sie schenkt sich Kaffee mit Milch und reichlich Zucker ein und sagt, wiederum im Dialekt: „I hab fest gschlaff’n.“ Nach Söll zu fahren, sagt er, wäre ein Blödsinn, den Nachmittag auf der Trattalm (am Horn) zu verbringen sei das allerbeste. Sie zeigt sich damit einverstanden, doch von der ein wenig spröden Art des Skilehrers ist sie sichtlich für einen Moment ennerviert, kurz schwelen Selbstvorwürfe in ihr auf weil sie den Tag so spät begonnen hat. Auch seine abwehrend gemurfelte Antwort auf ihre Frage, ob er seine Freundin schon gesehen hätte, lässt zu wünschen übrig. Romy gibt sich geschlagen und ißt ihr weiches Ei.

Im Auto dreht Romy das Radio an („Kann ich ein bissel Musik machen, ja?“), es erklingen die swingenden Klavierläufe von Oscar Petersons Tangerine. Hier bedient sich Syberberg nun einiger dramaturgischer Tricks (wie wir erfahren werden, auch aus der Not des Kürzenmüssens heraus): wir sehen Überblendungen zwischen der Tiroler Berglandschaft und den belebten Straßen von Paris, wo Romy Schneider in den vergangenen Jahren gelebt, geliebt und gearbeitet hat. Auch hören wir ihre Stimme jetzt aus dem Off. Sie beginnt so larmoyant wie wortgewandt ihr Leben, ihre Karriere und ihren Charakter auseinderzusetzen, oder wie man in Wien sagt, zu „motschgern“: „Ich bin 27, das ist ja nicht so alt. Ich will nicht mehr nur meine ganze Kraft und meine ganzen Nerven nur mehr für diesen Beruf hergeben. Es ist mir nicht mehr genug.“

Und wie sie so motschgert, sehen wir Romy in der Horn-Bahn über die Wiesen und Wälder gleiten. Das Versprechen seines Titels löst der Film bereits hier, während der Bergfahrt in der Gondel, ein – wie könnte er nicht, bei diesem Gesicht – doch was er mit Zuneigung und zunehmend spürbarer Besorgnis enthüllt, ist nicht bloß das Porträt eines Gesichts als viel mehr das Porträt eines Gemüts.

Standbild aus dem Syberberg-Film.
Standbild aus dem Syberberg-Film.

 

Sobald die Gondel zum Gipfel des Kitzbühler Horns emporschwebt, beginnt für den Zuschauer unvermittelt ein emotionaler Sinkflug in das zerrüttete Seelenland Romy Schneiders; einer seit ihrer Kindheit Geherzten und Gehetzten, einer bis zur Selbstvergessenheit Umfeierten, einer Monarchin der Herzen (vor allem der Österreicher), und, wie wir durch die Aufnahmen und die Anwesenheit Syberbergs mit wachsender Erschütterung feststellen: einer Kaiserin der Schmerzen. „Ich will einfach weg, weg, weg. Von diesem ganzen Getue, von diesem ganzen Theater, von diesem ganzen hektischen ennervierenden Paris. (…) Einerseits bin ich dafür gemacht, andererseits aber überhaupt nicht. Ü-ber-haupt nicht! Jedenfalls nicht für das sogenannte Starsystem, was ich hasse…“

Syberberg spricht beruhigend aus dem Off, beim nächsten Film werde ja alles ganz anders und auch wir ertappen uns dabei, dass wir uns vor Romys offener Herzenswunde abzulenken suchen; durch die Gegenwart ihres vertrauten Profils, das in der Eleganz der Bergformen am Horizont ihre Entsprechung findet und durch den halbzarten Schmelz ihrer Stimme. Überhaupt diese Stimme. Ist sie schon hinreichend gewürdigt worden, in der reichhaltigen Bibliografie über ihre Weltkarriere? Wenn Romy spricht, spricht Schönheit an sich. Ihr Lachen ist wie die Ouvertüre eines Concertos von Mozart: schmiegsam, warm, federnd und von Engeln getragen. In der Färbung ihres Idioms mischen sich Bayern, Wien und Saint-Germain-des-Prés; ihr Naturell ist Geborgenheit suchend, wie auch gebend. Unbedingte Nähe.

„Sechs Jahre Paris, das genügt. Ich bin kein Großstadtmensch. Auch dieses Gefühl, dass ich was versäum’ wenn ich nicht dort bin, das hab ich abgelegt. Ich will mich aber auch nicht in den Bergen eingraben, hoch droben, dafür bin ich zu jung.“ Doch wohin, das ist ihr auch nicht so klar. Auf die Burgtheater-Bühne? Sie will das Familienerbe des Theaterschauspiels antreten, doch ihre Körpersprache sagt etwas ganz anderes, und sie legt nach: „Obwohl ich eine Scheißangst hab.“

Studio-Porträt von Romy für Triple Cross (Regie: Terence Young), gedreht im Sommer 1966. ©cineurop
Studio-Porträt von Romy für Triple Cross (Regie: Terence Young), gedreht im Sommer 1966.
©cineurop

 

Wir sehen sie nun auf der Piste, wie sie hinter dem Skilehrer herfährt, im Schneestaub, den Fahrtwind im Haar, die fließende Bewegung auskostend. Wir, die wir sie still verehren, möchten bereits vergessen haben, was sie gerade über ihren seelischen Erschöpfungszustand gesagt hat. Davon dass sie in Paris kaum aus dem Bett gekommen sei, so wie an diesem Morgen, und sie spricht auch davon, ihren krankhaften Ehrgeiz verloren zu haben. Sie sagt das jedoch so rigoros, dass es so klingt, als müsse sie diesen Ehrgeiz nun aber wirklich ablegen. So als sei er eine Art Skianzug. Dabei wirkt sie so müde und verloren und so befangen wie man nur sein kann, wenn sich alles um einen selbst dreht, immerzu.

„Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, jaja, das trifft oft zu, das stimmt schon“, seufzt Romy, und die Gondel fährt wieder zu Tal. Ihr Mund haucht zarten Beschlag an die Scheibe. Im Hintergrund erkennt man das Brixental mit dem Schwarzsee, dem Bichlach-Hügelzug und der grauweißen Krone des Kaiser-Massivs. Nur kurz verliert sich ihr nervöser Blick in der Winterlandschaft und reflektiert Ruhe und Behaglichkeit. Dann umwölken wieder Sorgen ihre Stirn. Die flauschige Fellkaputze verleiht ihr das Aussehen einer gehetzten Polarfuchs-Fähe. Die Hornbahn-Gondel schwebt über wenige Schneeinseln, die sich noch auf den sonnseitigen Hochalmen gehalten haben. Tannen und Tennen gleiten vorbei, dann der Starke-Mann-Schatten einer Liftstütze. Ratatat.

Ratatat dreht sich nun auch das Bewusstsein wieder um sich selbst, ohne kaum auf irgendetwas Äußeres gelenkt zu werden. Seltsamerweise auch vom Regisseur nicht. Ich, ich, ich sagt Romys Ich in ihrer Welt, in der sich alles nur um Romy dreht, bis es schwindlig ist vom Sog der Zentripetalkraft. Erste Person Singular. Heute würde man von Burnout und Depression, ja, möglicherweise von einer narzisstischen Störung sprechen, Therapie, Meditation und Yoga empfehlen.

Es ist bekannt, dass Romy Schneider bereits zu dieser Zeit begann, an der Hausapotheke ihres melancholischen Lebensgefährten mitzunaschen: Downer, Glückspillen und in ihrer Wirkung recht unerforschte Barbiturate wurden Mitte der Sechziger Jahre großzügig verschrieben. Für das Wirtschaftswunder im Nachkriegs-Europa waren „Mutters kleine Helfer“ eine gesunde Voraussetzung, fast wie ein Zerealienfrühstück. In Kombination mit jahrelangem, gesellschaftlich geduldetem und sogar gefördertem Alkoholmissbrauch wird diese Selbstmedikation jedoch für Romy Schneider wegbegleitend sein.

 

Nur in der Natur und beim Hören ihrer Lieblingsplatten wird sie von Ekstasen des Glücks überschwemmt. Wir begleiten Romy Schneider zum Song Bee-Bom von Sammy Davis jr. auf einem Spaziergang am alten Weg über den Kapser Golfplatz. Sie ist eingepackt in Lammfell und Wolle, und wie sie da so niedergehockt und endlich selbstvergessen mit Kieselsteinen spielt, chaplinesk blödelt und himmelhochjauchzend glücklich zu den Südbergen hinauf lächelt, erleben wir eine kindliche, seelenreine Romy Schneider. Fernab der großen leuchtenden Städte der Welt, in denen Filme gedreht, Modemagazine herausgegeben und Stars in das nächtliche Firmament der Popkultur gesprenkelt werden. Wir erleben ein Sternenkind, das zum Star wurde. Bee-bom, bee-bom.

Doch die Kräfte, die in dem gnadenlos kalibrierten Konstrukt namens Celebrity herrschen, erträgt sie nur mit großer Not. Alles in ihrem Leben findet unter dem gigantischen Brennglas der Öffentlichkeit statt, wird beleuchtet und kommentiert. Jeder Film, jedes Foto Shooting, jedes Lächeln, jeder Augenaufschlag muss vor der Ewigkeit bestand haben. Wie sollte sie nicht mit sich hadern, war sie es doch, die von Kindheit an lossteuerte, auf diesen Glanz des Abgebildetwerdens und Bejubeltseins zu, in diesen blendenden Glast hinein, der sie mit der Zeit durchsichtig werden ließ, ihre Eigenwahrnehmung ausbleichte und ihr, im (Marien-)grunde ganz einfaches Selbstbild überbelichtete.

Von La Piscine (1969) an, der ihren zweiten Karriereabschnitt markiert, und für den sie ihr ehemaliger Beau und Herzensbrecher Alain Delon gewinnen kann, wird ihr Gesicht nicht mehr nur hübsch und herzig sein. Romy Schneider wird in den folgenden zehn Jahren wohl eine der schönsten und stilsichersten Frauen der Welt sein, und als Schauspielerin reifte sie zu einer Charakterdarstellerin mit Tiefgang und absoluter Hingabe; der fesche Wildfang an der Seite Karlheinz Böhms in Ernst Marischkas Sissi-Trilogie ist in ihrem letzten Lebensjahrzehnt die moderne Frau des französischen Films schlechthin: „La Schneidère“, noch heute in Ehren gehalten von Juliette Binoche, Jane Birkin oder Vanessa Paradis.

Doch der Weg dorthin ist im Februar 1966 noch weit und steinig. In Syberbergs Film ist Romy Schneider an einem Scheidepunkt angelangt. Auch ihr Alter deutet darauf hin: 27. Sie steht genau auf jener Linie, die das Mädchendasein endgültig trennt vom Frausein. Dieses Gefühl des Eingedreht-Seins wie eine Sprungfeder aber nicht wissend, wie sich die Schnellkraft in ihrem Dasein entladen soll, so spürt Syberberg und das Publikum diesen stellenweise unerträglichen Spannungsraum, der um Romy wogt wie ein Schneesturm. Zehn Monate später, im Dezember 1966, wird sie Mutter geworden sein, und auf Fotos aus dieser Zeit ist die Erlösung ihrem Gesicht anzusehen.

Romy mit ihrem Sohn David in Südfrankreich, 1968. ©Jean-Pierre Bonnotte
Romy mit ihrem Sohn David in Südfrankreich, 1968.
©Jean-Pierre Bonnotte

 

Das letzte Drittel des Films, ebenfalls ausgekleidet mit zwischengeschnittenen Flashbacks und Collagen aus Magazinbildern, spielt in der Nacht – der Dreh dauerte bis sechs Uhr früh – vor dem knisternden Kaminfeuer von Romys fürstlichen Gastgebern. Wieder hören wir im Hintergrund perlenden Piano-Jazz und Crooner-Swing, das nervöse Flirren ihrer Ausstrahlung ist bereits sichtlich Alkohol-gedämpft. Perfekt passt sie ins luxuriöse Ambiente des Chalets: Orchideen auf der Kommode und Leopardenfell vor dem Kamin, internationale Modemagazine, zerknüllte Samtkissen am weißen Sofa; Kaschmir und Chanel, Champagner, Wein und Birnenschnaps; volle Aschenbecher und Espresso in altem Porzellan.

Das Gesprächsthema ist jedoch wieder dasselbe wie untertags: Sie will nicht mehr so sein wie die Menschen sie haben wollen. „Sieben Jahre lang war ich die Prinzessin. Und nicht nur vor der Kamera. Allen hat’s gefallen – mir hat’s auch gefallen! Ich war selig. Aber dann wollt’ ich’s halt eines Tages nicht mehr sein.“ In diesem Augenblick scheint tiefe Reue von ihr Besitz zu ergreifen. Fast bitter sieht sie aus, als habe sie einen großen Fehler gemacht, der sich nicht mehr gut machen lassen wird. Dann fasst sie sich wieder: Von nun an möchte Romy starke Frauenfiguren spielen, in modernen Bühnenstücken. Shaw’s Heilige Johanna. Sie windet sich dabei, umarmt sich unentwegt, ihre Finger ranken sich ineinander. Lange und scheu verweilt die Kamera auf den feinen Narben an ihren Handgelenken, Zeugnis ihres Selbstmordversuches nach der Trennung von Delon. All das ist eine ungekünstelte Performance; großes Kino und doch wahrhaftig.

Wirklich begeistert ist sie in einem prägenden Moment des Films: Bei der Vorführung von Orson Welles Kafka-Verfilmung von Der Prozeß habe sie sich selber nicht erkannt, das schwört sie mit Verve und Vergnügen und beteuert: „Genauso war’s. Ich habe mich nicht erkannt!“ Und es war sie, die Welles davon überzeugen konnte, selbst die Rolle des zwielichtigen Anwalts Hastler zu spielen. Ab hier kommt sie erst so richtig in Fahrt und beginnt eine schauspielerische Tour de Force, die so mancher Szene aus ihrer späteren Karriere das Wasser reichen kann: Romy in der Rolle ihres Lebens. Die letzte Einstellung zu Charles Aznavours Que C’est Triste Venise lässt den Zuseher mit dem Sofa zurück, auf dem sie residiert hat, auf dem sie sich für Syberberg in Szene gesetzt hat. Und das nun leer ist.

„Die Angst und das Lampenfieber, das ich habe, das kann ich Ihnen gar nicht sagen.“ Romy Schneider, 1966 in Kitzbühel.
„Die Angst und das Lampenfieber, das ich habe, das kann ich Ihnen gar nicht beschreiben.“ Romy Schneider, 1966 in Kitzbühel.

 

Romy Schneider bleibt nach den Dreharbeiten noch in Kitzbühel; Syberbergs Team verläßt Österreich voll Zuversicht und mit viel Material. Zu viel Material: Aus den vereinbarten 60 Minuten waren in den drei Drehtagen eineinhalb Stunden Filmlänge geworden, doch Meyen verlangt plötzlich in der Postproduktion Änderungen und Kürzungen, was ihn zwingt, den Film auf eine Eintag-Dramaturgie zusammenzuschneiden. Dazu sagt Syberberg in einer Dokumentation über sein Schaffen: „Da hat mein Herz schon geblutet, weil es war ja ein Vertrag da, und ich hatte ihn gebrochen – wegen der Überlänge.“ Das Bayrische Fernsehen hatte nun einen handfesten Grund, Meyens insgesamt 32 Kürzungswünschen nachzukommen.

Syberberg weiter: „Romy selbst wollte ja dass ich komme und dass wir zusammenarbeiten. Als wir aus Kitzbühel abreisten, waren wir miteinander vertraut und wir trennten uns im Besten. Doch dann kam es zum Eklat und Harry Meyen hatte seinen Auftritt. Er sah sich den Film an und sagte nur: „Um Gottes Willen. Das passiert, wenn ich nicht dabei bin!“ Für ihn sollte Romy nicht traurig oder nachdenklich wirken, „trübsinnig“, wie er sich ausdrückte. Das war für ihn schon ein Werbefilm, in dem er sie heiter sehen wollte. Ich konnte mich gar nicht mehr fassen, dass sie ihm nichts entgegnete, in Bezug auf den Film, (…) dass sie während des Gespräches mit Meyen ganz still wie ein Mäuschen war. Sie ließ sich von ihm dirigieren und bemeistern. (…) So kannte ich sie nicht, sie war wie nicht da. Ich dachte verzweifelt: Das kann doch nicht sein, dass sie mich so verrät!“

Was Syberberg noch einleuchtete, war der Schnitt der Szene, in der Romy den alten Witz erzählt, über einen deutschen Juden, der in seiner New Yorker Exilwohnung ein Bild von Hitler aufhängt: „Gegen Heimweh“. Im Hintergrund läuft Sammy Davis jr. und in diesem legeren Kontext war dieser Scherz dann doch möglicherweise etwas zu frivol: „Das ging mir ja noch ein, aber was ich erstaunlich fand: diese letzten Szenen am Kamin, die ja nun sehr besonders waren – die haben sie nicht angerührt.“ Aber nur einen Tag vor der Erstausstrahlung im Januar 1967 will Romy Schneider den gekürzten Film, von dem Syberberg mittlerweile seinen Namen zurückgezogen hat, doch noch ganz verhindern. Nur mit Mühe kann sie zu seiner einmaligen Ausstrahlung umgestimmt werden. Danach verschwand Romy – Porträt eines Gesichts für Jahrzehnte in der Versenkung.

 

Romy, wenige Monate später in Schornstein Nr. 4 (La Voleuse; Regie: Jean Chapot), ihrem ersten Film an der Seite von Michel Piccoli. ©Jürgen Vollmer
Nur wenige Monate später, in Schornstein Nr. 4 (La Voleuse; Regie: Jean Chapot), ihrem ersten Film an der Seite von Michel Piccoli.
©Jürgen Vollmer

 

Vielleicht war Romy Schneider ein Mensch, der emotional gar nicht dazu gewappnet war, ein Star zu werden. Doch wer ist das schon. Ruhm sieht von innen immer anders aus als von außen und für den oder die, die ihn erlebt, nimmt er vollkommen andere Bahnen als die naiv erträumten. Einer der es wissen muss, Mick Jagger, sagte in einem Interview über seinen ehemaligen Bandkollegen Brian Jones: „Berühmtsein ist für niemanden einfach zu ertragen, aber manche Menschen sollten mit Ruhm erst gar nicht in Berührung kommen.“ Auch Syberberg spricht in einem Interview fürs Fernsehen von Romys tiefliegenden Unsicherheiten, die sich im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit gefährlich potenzierten: „Sie war ja doch ein bissel verrückt, nö? Vorsicht, nicht zu nahe kommen! Denn sonst wird man mitgerissen in diesen Strudel, in diesen Wirbel – um sich selbst.“

 

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Der Film in sechs Teilen auf youtube (in annehmbarer Qualität)

Quellen / Weitere Lektüre:

Produktionsnotizen auf syberberg.de:

Notiz Februar 2008
Notiz Dezember 2009

Magazinartikel Beichte am Berg, erschienen im SPIEGEL, Februar 1967 

Kurzbesprechung von Richard Brody im New Yorker, November 2016 

– Romy Schneider ::: Ich, Romy – Tagebuch eines Lebens (Hrg: Renate Seydel, Langen Müller 1988; neu und überarbeitet 2016)
– Günter Krenn ::: Romy Schneider: Die Biographie (Aufbau Verlag, 2007)
– Hildegard Knef ::: Romy Schneider – Betrachtungen eines Lebens (Moewig/Edel, 2010)
– Sarah Biasini, Jean-Pierre Lavoignat ::: Romy – Ein Bildband (Edel 2012)