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::: Peter Matthiessen :::

DER BAUM DER SCHÖPFUNG

Sein Reisebericht The Snow Leopard (dt.: „Auf der Spur des Schneeleoparden“) machte Peter Matthiessen (1927–2014) weltberühmt. Doch von seinem äußerst vielfältigen Leben als Pionier des Umweltschutzes, Zen-Mönch, Naturdichter und Geheimagent wissen wir in Europa nur wenig.

EIN MANN WANDERT über das Dach der Welt. Er schreibt auf, was er sieht, was in der kargen Wildnis der Berge um ihn herum geschieht, und was dabei in ihm selbst vorgeht. Er tut dies mit dem Fokus, den er als Student des Zen-Buddhismus geübt hat. Sein Name ist Peter Matthiessen und sein Ziel ist ein Kloster am Fuße des sagenumwobenen Crystal Mountain. Doch eigentlich ist sein Ziel der nächste Schritt, der nächste Atemzug.

Er ist auf der Suche nach bleibenden Momenten, um sich über den Tod seiner Frau hinwegzutrösten. Vor allem aber ist er auf der Suche nach einer geheimnisvollen Großkatze. Nicht etwa um das Tier zu erlegen, sondern nur um es in freier Wildbahn zu sehen. Doch das stellt sich als schwierig heraus: Der Schneeleopard ist ein Meister der Tarnung, des Verschmelzens mit seiner Umgebung – geisterhaft und elegant.

Matthiessen legt auf dieser Expedition insgesamt 700 Kilometer zu Fuß zurück, aber der Leopard will sich ihm nicht zeigen. Auf dem Rückmarsch wird er immer noch voll Trauer und Wut sein, über die großen und kleinen Zumutungen des Lebens. Unerlöst. Doch so ist die Welt und so ist der Mensch. Die Erkenntnis darüber machen den philosophischen Charme und den poetischen Reiz seiner Aufzeichnungen aus.

 

Metaphysisches Meisterwerk: Matthiessen wurde für das Buch The Snow Leopard mit dem National Book Award in zwei Kategorien ausgezeichnet. (Foto: Inger Van Dyke)

Fast fünf Jahre lang wird Peter Matthiessen an seinem Werk feilen und polieren, ehe es 1978 veröffentlicht und sensationell aufgenommen wird. Noch heute, vierzig Jahre nach seinem Erscheinen, ist The Snow Leopard ein Klassiker der Reiseliteratur und des modernen Naturalismus. Im deutschsprachigen Kulturraum ist das Buch jedoch nie über den Rang eines Geheimtipps hinausgewachsen. Es scheint hierzulande unterhalb des Radars der Öffentlichkeit zu laufen. Genau wie die mystische Katze an der Peripherie seiner Handlung.

Matthiessen selbst war, wie sein literarisches Wappentier, eine faszinierende und doch ungreifbare Erscheinung; seine Stimme ein raunender, knarziger Bass – ein Erzähler-Organ. Es gibt da dieses Foto-Porträt von Annie Leibovitz, aufgenommen 1990 auf seinem Anwesen in Sagaponack, Long Island: Es zeigt den Schriftsteller zurückgelehnt an einer von Blätterwerk umrankten Gartenhütte, seiner Schreibstube. Fast verschwindet er in der üppigen Botanik.

Die weisen, eisblauen Augen blicken süffisant und verkniffen aus dem hageren Cäsarengesicht. Charisma pur. Fleecejacke, Jeans und dreckige Timberlands verstärken den Eindruck eines naturverbundenen Mannes, der komplett in sich ruht, der niemandem etwas vorzuspielen braucht. Nicht der Prominentenfotografin und schon gar nicht sich selbst.

 

 

Peter Matthiessen, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, ist in erster Linie als Schriftsteller bekannt, als homme de lettres. Sein Vater Erard, wohlsituierter Architekt in Manhattan, entstammt einer Seefahrer-Familie aus Friesland und ist Mitbegründer der Naturschutz-Vereinigung Audubon Society. Sein Vorfahre, der Walfänger Matthias der Glückliche findet sogar in Melvilles Moby Dick Erwähnung.

Noch während seines Studiums in Yale, veröffentlicht der junge Peter Kurzgeschichten in der Zeitschrift The Atlantic. Nicht immer sind seine Kontaktversuche zu Verlagen mit Erfolg gesegnet. Sein erstes Manuskript kommt nach zwei Wochen per Post zurück, mit einer Nachricht seiner Agentin: „Lieber Peter: James Fenimore Cooper hat das schon vor 150 Jahren geschrieben. Nur besser. Grüße, Bernice.“

Dennoch folgen bald viel versprechende Romane (Partisans, 1955; Raditzer, 1961) und Non-Fiction-Werke, auf Deutsch unschön „Sachbücher“ genannt.

 

„Ich wollte mein Talent dafür nutzen,
jenen eine Stimme zu geben, die selbst keine haben.“

 

In beiden Genres erzählt er von archaischen Völkern in unberührter Natur, von unserer Beziehung zur Wildnis, aus der wir stammen, und die noch immer in uns erhalten ist. Auch wenn wir sie wie einen dunklen Geist aus der Vergangenheit fürchten. In beiden Genres wird er auch, als einziger amerikanischer Autor, mit dem renommierten National Book Award ausgezeichnet.

Er selbst wünscht sich, der Nachwelt als Romancier in Erinnerung zu bleiben. Was ungefähr so ist, als würde sich Clint Eastwood als Namenloser der Spaghetti-Western verewigt sehen wollen, und nicht als der bedeutende Regisseur, als der er nun einmal gilt.

Peter Matthiessens große Kunst ist es, die Vielfalt der Erde in eine klare, schwebende Prosa zu fassen. In seinen Büchern beseelt er unbewohnte Landstriche und beschreibt Natur in all ihrer filigranen Erhabenheit. Dabei wird ihm seine Beschäftigung mit der strengen Formalität des Zen-Buddhismus zunehmend dienlich.

Nur ungern trägt der Amerikaner seine Faszination für diese japanische Geistesschule vor sich her, doch einmal darauf angesprochen, gibt er bereitwillig Auskunft: „Zen ist ein konstanter Weckruf, hellwach zu bleiben, das Leben wert zu schätzen. Wir sind ja besessen von Vergangenheit und Zukunft, doch die Wirklichkeit gibt es nur an einem Ort und zu einem einzigen Zeitpunkt: Im Hier und Jetzt. Zen reduziert alles im Leben auf das Einfachste“, sagte Matthiessen über seine spirituelle Praxis, „Schlichtheit ist das Geheimnis eines gelingenden Daseins. Ich erinnere mich oft an diese Zeile aus dem Abschiedsbrief in einem Roman von Turgenew: ’Ich konnte mein Leben nicht vereinfachen…‘ Was für ein Pfeil durchs Herz, dieser Satz!“

 

 

Zen vertieft auch die Ernsthaftigkeit, mit der er die vielen Felder seines eigenen langen Lebens bestellt. Und kühlt sein von Natur aus heißes Temperament. Matthiessen: „Ich war ein zorniger junger Mann, gequält von der Wut auf meine privilegierte Herkunft und die Arroganz der Reichen und Schönen von Manhattan und Long Island. Ich trank und prügelte mich und mit 17 wurde ich von meinem Vater aus dem Haus geschmissen. Verständlicherweise!“ 1943 tritt er der US Navy bei und inskribiert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an der Pariser Sorbonne.

Jugendfreunde und literarische Verbündete: George Plimpton (l.) mit Peter Matthiessen (r.) in den Dünen von Long Island, New York, in den 1970er Jahren.
Foto: The Paris Review

Dort gehört er 1953 zu den Gründungsmitgliedern der Literatur-Postille The Paris Review, in der bald große Namen wie Beckett, Kerouac und Salinger veröffentlichen. 50 Jahre später wird Matthiessen zugeben, dass die Zeitschrift ein Vorwand war, um seine Tätigkeit als Agent für den CIA zu kaschieren.
Es wird das einzige Abenteuer bleiben, das er bis ins hohe Alter bereut. Trotz seiner zwielichtigen Rolle in der McCarthy-Ära, lässt ihn die paranoid-antikommunistische Ausrichtung des Polit-Establishments auf seinem Lebensweg mehr und mehr nach links abbiegen.
Er übergibt die Leitung des Magazins seinem Jugendfreund George Plimpton und kehrt 1954 in die USA zurück. Dort beginnt der gutaussehende Bonvivant, sich von seiner gerade erst geehelichten Frau, einer Society-Schönheit, auseinander zu leben.

Weniger ein umfassender Katalog nordamerikanischer Wildtiere als eine Vorhersage des Artensterbens und ein Aufruf, Verantwortung zu übernehmen: Wildlife in America (1959). Vortrefflich auch die Illustrationen von Bob Hines.

1956 packt Matthiessen einen Schlafsack, eine Kiste Bücher und ein Gewehr in seinen Ford und macht sich auf einen langen Weg. Fast zwei Jahre lang tingelt er über den Kontinent und schreibt den ersten illustrierten Naturführer der nordamerikanischen Fauna, Wildlife in America. Das Wissen, das sich der knapp Dreißigjährige auf dieser Reise über Tierwelt aneignet, ist schier atemberaubend.
Bereits in dieser frühen Zeit des Wirtschaftsaufschwungs beginnt er die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels, die Verbauung von einmaligen Landschaften und die Vergiftung von Flüssen durch die Industrie öffentlich zu thematisieren. Vor allem will er mehr über die Komplexität von Ökosystemen lernen und schließt sich ozeanographischen und ethnologischen Expeditionen an.

Unter Kannibalen: Matthiessen (dunkler Pullover, in der Mitte sitzend) war 1961 Teilnehmer der Harvard-Peabody Expedition nach Neu Guinea. Fotograf Mike Rockefeller (rechts daneben, im Karohemd) landete im Kochtopf der Ureinwohner. (Foto: Eliot Elisofon/Peabody Museum of Archaeology and Ethnology)

In den frühen 1960er Jahren experimentieren Matthiessen und seine zweite Frau Deborah mit LSD. Von den selbsternannten Propheten der psychedelischen Gegenkultur, allen voran Timothy Leary, distanziert er sich jedoch rasch. 1968 ist er einer der Unterzeichner des Writers and Editors War Tax Protests, in dem sich Autoren und Journalisten verpflichten, bis zum Ende des Vietnamkrieges keine Bundessteuern zu zahlen. In Kalifornien unterstützt und schreibt Matthiessen 1969 über den Gründer der Landarbeiter-Gewerkschaft, César Chávez.

 

 

„Sanft und mächtig, ehrfurchtgebietend und verwunschen; jenen Gleichmut verkörpernd, der sonst nur Berggipfeln, großen Bränden und dem Ozean vorbehalten ist.“

Peter Matthiessen über die Elefanten Ostafrikas, aus Der Baum der Schöpfung, 1972

 

 

Im Jahr darauf bricht er zu einer Forschungsfahrt in die weltweiten Jagdgründe des Weißen Hais auf. Das spannende Logbuch dieser Reise, Blue Meridian, dient Peter Benchley zur Vorlage für dessen Roman Jaws (dt. Der weiße Hai; 1974). Der Reißer wird wiederum von Steven Spielberg verfilmt, und sorgt – sehr zu Matthiessens Missfallen – für eine kollektive Hai-Panik. Wer genau hinsieht, entdeckt in dem Film Matthiessens Buch im Bücherregal der Hauptfigur Chief Brody, als dieser sich über das Naturell des Raubfisches schlau macht.

 

Hoch zur See: Um die junge Familie zu ernähren, verdiente Matthiessen viele Sommer lang als Kapitän eines Fischkutters sein Geld. (Foto: Matthiessen Archive)

Matthiessen liegt zeit seines Lebens daran, sich über das Naturell der Spezies Mensch klar zu werden und zieht dabei auch nicht immer schmeichelhafte Schlüsse: „Wir alle sind zu dem fähig was etwa die Nazis getan haben – wenn man nur die notwendigen Knöpfe drückt. Sogar deine eigene Großmutter! Der Mensch war schon immer ein Killer.“

In seinen Büchern leuchtet er die oft bipolare Rolle des homo sapiens von unterschiedlichen Seiten aus: als rücksichtslosen Verschwender von Ressourcen, aber auch als fürsorglichen Hüter der Schöpfung. Seine Romanfiguren wie Watson in Shadow Country oder Wolfie und Moon in At Play in the Fields of the Lord tragen Züge von Brutalität aber auch Bruchstücke des Göttlichen in sich. Diese Paradoxien beobachtet der stets wachsame Forscher natürlich auch an sich selbst.

 

 

Selten, scheu und mystisch: Der Schneeleopard ist ein Symbol für die Abgeschiedenheit des Himalaya, aber auch für die Zerbrechlichkeit von Ökosystemen. 1973 heftete sich Matthiessen in Nepal auf seine Fährte. (Foto: Hemis National Park, Ladakh)

1973 unternimmt Peter Matthiessen, gemeinsam mit dem deutsch-amerikanischen Biologen George Schaller, die eingangs beschriebene Reise in den nepalesischen Himalaya, die er zu seinem bekanntesten Buch The Snow Leopard (dt.: Auf der Spur des Schneeleoparden; 1978) verarbeitet. Es nimmt den Leser mit in das weltferne Inner Dolpo, wo sich kolossale Bergkämme zwischen dem Dhaulagiri-Massiv und dem Tibetischen Plateau erstrecken.
Endpunkt der Expedition sind die Weidegründe des Bharal, des Blauschafes, einem zoologischen Bindeglied zwischen Schaf und Ziege, und einem der wichtigsten Beutetiere einer noch weitaus selteneren Spezies: der des Schneeleoparden.

 

 

„Vielleicht erreiche ich das kristallene Kloster,
vielleicht werde ich einen Schneeleoparden sehen.
Doch falls nicht, so ist auch das in Ordnung.
In diesem Moment singen Vögel.“

 

 

Spiegel des Himmels: Der Phoksundo See im nepalesischen Dolpo, auf 3600 m. Die karge, entrückte Landschaft fasste niemand in so treffende Worte wie Matthiessen in The Snow Leopard. (Foto: Steve Razzetti, razzetti.com)

 

The Snow Leopard wird zu einer Meditation über das Gehen in urwüchsiger Landschaft und ein stilles Plädoyer für das Unerklärliche und Ungezähmte. Wie der Schneeleopard, der sich den Blicken der Menschen entzieht, lassen sich auch Begriffe wie Schicksal, Beziehung und Erfüllung nur in unzureichende Schemen fassen.

Es ist auch eine Geschichte über das Loslassen – von Erwartungen, und, in Matthiessens Fall, von lieben Menschen: Seine Frau, mit der ihn eine stürmische On-Off-Beziehung verbunden hatte, war im Jahr zuvor an Krebs gestorben.
Matthiessen lässt für das Projekt seinen achtjährigen, nun halbwaisen Sohn Alex zwar wohlversorgt, aber dennoch elternlos in den Staaten zurück. Auch das Versprechen, zu Thanksgiving wieder zurück zu sein, kann er – eingeschneit im Himalaya – nicht halten.

In seiner von Schmerz und schlechtem Gewissen geklärten Prosa läuft der Schriftsteller zu Höchstform auf: „Ein leuchtender Bergmorgen. Nebel mischt sich in den Rauch eines Holzfeuers, ein Sonnenstrahl fällt zwischen zwei düstere Schluchten. Zirben, Rhododendren, Berberitzen und purpurne Schnee-Enziane… An einem steilen Hang  läuft ein Pfad aus Schieferplatten herab wie eine Quecksilber-Spur. Sogar die Steinplatten der Hüttendächer scheinen mit Silber beschlagen zu sein. Über allem ruht ein Gipfel der Annapurna auf seiner weichen Wolke.“

The Snow Leopard wird gleich zweimal mit dem NBA ausgezeichnet (1979 in der Kategorie „Zeitgenössisches Denken“ und 1980 in der Sachbuch-Sparte) und macht seinen Autor berühmt, aber nicht reich: Genau an dem Wochenende, an dem sein Buch auf den Markt kommen soll, treten die amerikanischen Zeitungsdrucker in Streik; mehrere Titelstories über Matthiessen kommen deshalb nicht an den Kiosk. Danach verliert sich rasch der publizistische Schub hinter dem Werk. Wieder eine Lektion in Demut für den Zen-Schüler Matthiessen.

 

 

Anfang der 80er Jahre schreibt er das Buch In the Spirit of Crazy Horse über die Aktivisten des American Indian Movement in Dakota und nimmt sich des Falles von Leonard Peltier an. Peltier wird zur Last gelegt, zwei FBI-Beamte erschossen zu haben, was jedoch keine einzige gerichtliche Untersuchung einwandfrei zu beweisen im Stande ist. Dennoch befindet sich der Sioux bis heute in Haft.
Das FBI klagt nicht nur Matthiessen auf Verleumdung, sondern auch dessen Verleger Viking Press auf 49 Mio. Dollar Schadenersatz. Die Verhandlungen ziehen sich über sieben Jahre hin und kosten den Autor privat etwa 3 Mio. Dollar. In Berufung auf Rede- und Pressefreiheit wird dem Erscheinen des Buches schließlich in letzter Instanz stattgegeben – es wird ein Bestseller.

Zen-Zeremoniell: In Bernie Glassman (l.) fand Peter Matthiessen (r.) einen Lehrer, der ihn in die harte, klare Sichtweise des Soto-Zen-Buddhismus einführte. Seine eigene Weihe zum roshi (Meister) empfing Matthiessen 1990 und leitete in späteren Jahren regelmäßig Retreats. (Foto: zenpeacemakers.org)

In dieser Hartnäckigkeit für die gerechte Sache erinnert Matthiessen an Zeitgenossen wie David Attenborough, Wangari Maathai oder Jane Goodall: „Ich bin ein alter Leftie“, schmunzelt Matthiessen in einem Interview mit der Zeitschrift der Smithsonian Institution, „ich wollte mein Talent dafür nutzen, jenen eine Stimme zu geben, die selber keine haben.“
Und so leiht dieser aus der Art geschlagene Patrizier seine Stimme mexikanischen Wanderarbeitern, den ihrer Ernährungsgrundlage entzogenen Fischern der Karibik, den scheuen Indios im grünen Schattenreich des Amazonas und den zur Assimilierung gezwungenen Stämmen der Serengeti. Ganz besonders aber dem schwindenden, schweigenden Reich der Fauna.

Foto: Nancy Crampton

In über 30 Büchern und hunderten Artikeln erzählt Peter Matthiessen von den unterschiedlichsten Tierarten. Alle scheinen sie Aspekte einer persönlichen Kosmologie des Autors zu verkörpern: Die goldenen Steinadler über der mongolischen Steppe, die letzten wildlebenden Tiger im Schnee Sibiriens, die Kraniche von Japan und der Kamtschatka. Und natürlich der Schneeleopard in der Bergwelt Hochasiens.

Doch auch Menschen vom Format eines Peter Matthiessen sind vom Aussterben bedroht. Der Schriftsteller William Styron über seinen Freund und Kollegen: „Peters Werk ist einzigartig. Es ist die Arbeit eines Mannes, der unseren schönen und unerklärlichen Planeten ekstatisch betrachtet.“

Ein Leben zwischen Natur und Familie: Den Finnwal-Schädel fand Peter Matthiessen (l.) am Strand, nahe seines Hauses in Sagaponack. Sein Sohn Alex (r.) widmet sich als Aktivist der Erhaltung des Hudson River. (Foto: Town & Country)

 

Zeige mir deinen Arbeitstisch, und ich sage dir, wer du bist: Matthiessens Schreibstube mit Blick ins Grüne. (Foto: Town & Country)

In einem seiner letzten Interviews, bereits schwer von Leukämie gezeichnet, legt Matthiessen seine Sicht auf diesen Planeten bloß: „Ich habe das untrügliche Gefühl, dass alle Phänomene des Lebens miteinander verwandt sind. Aus welcher Urkraft auch immer alles entstanden ist – im Kosmos, im Wasser, in der vulkanischen Schlacke: Wir sind auch nur Zweige dieses Baumes der Schöpfung, und mit allem anderen Leben verbunden. Und somit auch mit dem Tod.“

In The Snow Leopard finden sich die rätselhaften Zeilen: „Meistens beginnt die Suche mit einem Gefühl der Unruhe, so als ob man beobachtet würde. Du drehst dich in alle Richtungen und siehst nichts. Dennoch spürst du, dass es eine Quelle für diese Rastlosigkeit gibt. Und der Pfad, der in ihre Richtung führt, geht nicht in die Fremde, sondern führt heimwärts.“

Als Peter Matthiessen im April 2014 stirbt, verkündet seine Frau Maria den Tod ihres Mannes mit den Worten: „Ein großer Baum ist heute gefallen.“

 

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Foto: Maria Matthiessen

 

 

 

 

BONUS:

PETER MATTHIESSEN ESSENTIELL

Matthiessens Bücher lassen sich durchaus auch in deutscher Übersetzung lesen, doch empfohlen seien hier die Originalausgaben, die dank der klaren Sprache auch bei mittleren Englisch-Kenntnissen verständlich sind.

 

Shadow Country (2008; dt.: Stille und Sturm)
Über drei Jahrzehnte schrieb Matthiessen an dieser Trilogie über Mord, Moral und Dekadenz in den Sümpfen Floridas. Das literarische Äquivalent zum Masters-Sieg des 46-jährigen Jack Nicklaus.

 

The Snow Leopard (1978; dt.: Auf der Spur des Schneeleoparden)
Vielleicht ein Buch für die Ewigkeit; mit Sicherheit eines direkt von dort: eine scharfe Beobachtung folgt der anderen auf dem Fuße – atmosphärisch, aufregend und zutiefst persönlich.

 

Far Tortuga (1975; dt.: Far Tortuga)
Ein ausufernder Zen-Koan, angesiedelt auf den türkisen Wellen Westindiens. Das „akribisch-karibische Sprachexperiment“ (FAZ) wurde von Joachim Kalka gelungen ins Deutsche übertragen.

 

The Tree Where Man Was Born (1972; dt.: Der Baum der Schöpfung)
Nur ein Autor wie Matthiessen konnte es wagen, den schwarzen Kontinent in ein Buch zu destillieren, und nur einem Mann von seinem Talent konnte es gelingen. Mit 92 Farbtafeln von Eliot Porter.

 

At Play in the Fields of the Lord (1965; dt.: Ein Pfeil in den Himmel)
Eine verstörend psychologische Geschichte über zwei fremde Kulturen, die sich beide das Recht herausnehmen, einen uralten Amazonas-Stamm aus seinem harmonischen Lebensraum zu reißen.

 

Tigers in the Snow (2000; dt.: Tiger im Schnee)
Nur wenige Exemplare des Amur-Tigers leben heute noch in freier Wildbahn. In der sibirischen Tundra erforscht Matthiessen die Rolle der majestätischen Großkatze für die indigene Mythologie.

 

Birds of Heaven: Travels with Cranes (2003; dt.: Die Könige der Lüfte)
Bereits in frühen Legenden nahmen Kraniche einen luftigen Platz als graziöse Götterboten ein. Die großen Wandervögel sind jedoch auch eine wertvolle Schirm-Spezies vieler Ökosysteme.

 

 

INTERVIEWS:

BBC Audio-Interview mit Peter Matthiessen

Author’s Reflections: Matthiessen über sein Werk

Peter Matthiessens Begegnung mit dem Dalai Lama

Writer’s Symposium by the Sea: Peter Matthiessen

92Y/The Paris Review Interview