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::: Ninja Tune :::

 

IM PLATTENSHOP DES HELLEN WAHNSINNS

 

 

Ninja Tune wird 30. Die Klangschmiede für Underground Grooves bringt seit 1990 herausragende Platten, sowie die Politik des Sound in die Wohnzimmer und Clubs dieser Welt. Auch im Jahr 2020 hat das Label aus London nichts von seiner geheimnisvollen Aura verloren. Stauben wir ein paar Scheiben ab und senken wir die Diamantnadel der Erinnerung ins kostbare Vinyl der Vergangenheit.

 

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s war einmal ein kleiner Junge, der hieß Matt Black und saß in seinem Zimmer. Er saß dort für lange Zeit. Draußen zog das graue Wetter in Zeitlupe über England dahin. Doch langweilig war ihm nie, denn ihn interessierten viele Dinge: Science Fiction und Chemie, Ambient Musik, Astrophysik und alles was blinkt.

Eines Abends bastelte Matt aus seinem Physikbaukasten mit Schaltern und Lampen unglaubliche Sound-und-Licht-Shows für seine ganze Familie. Gleichzeitig ließ er seine Garde von Robotern zum Boogie-Woogie antreten. Da Matt auch über ein Quäntchen Geschäftssinn verfügte, verlangte er dann einen halben Penny Eintritt.

Doch vor allem liebte Matt es, die bunt beleuchteten, staunenden Gesichter seiner Eltern und seiner Schwester zu beobachten. Der Anblick war das Gegenteil vom grauen Himmel über dem Land.

Als Matt größer wurde, schenkte ihm sein Onkel einen Stereoturm mit Doppel-Kassettenrekorder, Plattendeck und Radio. Matt stellte einen Kontakt zwischen einer Box und einer Glühbirne her und ließ sie im Rhythmus blinken.

Als Matt noch größer wurde, baute er einen Mini-Sonic2-Proto-Synthesizer, spielte Saxofon in einer Band namens Jazz Insects und mutierte zum Computernerd. Er schnitt sich einen Vokuhila, studierte Biochemie in Oxford und ging komplett auf Hip-Hop ab. Mehr als die Raps und Reime reizten ihn allerdings die wuchtigen Beats der Instrumentals und die atmosphärischen Herkunftsquellen ihrer Sample-Bausteine.xx

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Future Sailors: Matt Black (l.) und Jon More (r.). Die beiden Musiker, die als Coldcut formieren, gründeten 1990 das famose Label Ninja Tune

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Im Jahr 1987 traf Matt auf Jonathan More, einen Kunstlehrer von sanftmütigem Phlegma und entspanntem Blasé. Er hatte eine Leidenschaft für 3D-Design, Collagen und die Cut-Up-Technik literarischer und assoziativer Kunstwerke (wie die Romane von William S. Burroughs, die Soundkollagen von Brion Gysin, Grandmaster Flash oder die mit Voice Samples angereicherten Beat-Feuerwerke der New Yorker DJs Double Dee & Steinski).

Jon war der ruhige Typ mit Tweed-Mütze, der im Pub am Tresen lehnt und bei einem Bier über äthiopischen Jazz referiert. Er war zu Hause in der Welt der Plattenläden.

Plattenläden, für die jüngeren Leser/innen, waren Epizentren der Popkultur, die es in der Ära vor digitalen Downloads, Youtube und Corona noch gab, und in denen strenge Dealer ihre Herrschaft ausübten. Jon More: „Viele Plattendealer ignorierten ihre Kunden geflissentlich, damit sie ihre Schätze nicht an Unwissende verkaufen mussten. Sie lachten dich innerlich aus. Richtige Snobs. Doch wenn sie dich ins Herz schlossen, gaben sie dir den heißen Scheiß zu hören.“

Tatsächlich war Jon selbst Chef des Plattenshops Reckless Records und galt dort als nettester Verkäufer. Matt war bei Reckless Records Stammkunde und brachte eines Tages ein selbstgecuttetes Mixtape vorbei. Er erinnert sich: „Jon war nicht gerade aus dem Häuschen, weil ihn nichts so rasch aus dem Häuschen bringt, aber ich konnte sehen, wie seine Augen leuchteten und seine Ohren glühten.“

 

Zen und Delay

Kurz darauf starteten beide als ‘Coldcut’ ihre mittlerweile weltweit legendäre Solid Steel Radio Show auf dem damaligen Piratensender KISS FM, bekannt für die Ausstrahlung der Show ‘The Broadest Beats in London’.

Matt und Jon polierten auch ein bisschen an Matts Mixtape, releasten es und landeten damit ihren ersten Underground-Hit: Say Kids, What Time Is It? Danach produzierten sie einen 7-minütigen Herz-Ass-Remix von Erik B. und Rakims Paid in Full mit einem Gesang-Sample der umwerfenden Ofra Haza.

Der Remix schlug voll ein und ist immer noch ein Klassiker seiner Art. Coldcut stellten der britischen Öffentlichkeit 1989 auf ihrem Album-Debut What’s That Noise? erstmals Queen Latifah, Yazz und Lisa Stansfield vor. Mit dem Song People Hold On erzielten sie beachtliche Dance-Chart-Erfolge (Nr. 11 in UK, Nr. 6 in den USA). Mit The Only Way Is Up von Yazz landeten Coldcut sogar eine Nummer eins. Und das war erst der bescheidene Anfang.

Coldcut sind bis heute gleichermaßen erfolgreich und künstlerisch anspruchsvoll. Abgesehen von ihrer riesigen, qualitativ hochwertigen Musikproduktion steht das Duo nach wie vor mit den Chemical Brothers, Massive Attack oder K&D an der Spitze audiovisueller Live-Acts – technologisch stets weit vorne, wenn es darum geht, ihre Auftritte und Parties zu audiovisuellen Happenings zu erhöhen.

Für die British Musicians’ Union mussten sie sich 1988 allerdings noch als Band mit Drummer und Keyboarder eintragen lassen, weil DJs nicht als Musiker galten. Doch die Zeiten sollten sich schnell ändern. DJs begannen zu Göttern der Nacht aufzusteigen.

Matt erzählt: „Unsere Freunde, Weggefährten und Vorbilder waren Mixmaster Morris, Adrian Sherwood mit seinem On-U Sound oder The Wild Bunch, ein Sound System aus Bristol, aus denen später Massive Attack hervorgingen. Der Moderator John Peel mit seiner für damalige britische Verhältnisse frischen und frechen Radio Show voll punkiger Nonchalance und einem breiten Spektrum war enorm wichtig. Peel formulierte wöchentlich den Genre-übergreifenden, interkulturellen Leitgedanken, auf dem wir Ninja Tune und Solid Steel aufbauten. Politisch war ich sowieso immer auf der Seite von Banksy, dem Grafiker John Heartfield und Pink Floyds The Wall: Hey teacher, leave us kids alone…!“

Kunst ist ein ernstes Spiel: Jon (l.) und Matt zur Zeit der Labelgründung vor 30 Jahren

Als Style-angebende Musik-Metropole rückte London in den 1990er Jahren wieder ins internationale Spotlight.

Die Epoche der Cool Britannia brach an: Aphex Twin und Portishead, Musikvideos von Chris Cunningham, Jürgen-Teller-Fotos von Kate Moss, Björk und PJ Harvey in Magazinen wie The Face und i-D. Labels nahmen Fahrt auf: James Lavelles Plattenfirma Mo’Wax mit Acts wie DJ Krush, DJ Shadow und UNKLE oder Warp Records mit Frickel-Elektronikern wie Autechre und Acid-Gangster-Jungle von Red Snapper.

In diese aufblühende kulturelle Landschaft pflanzten Matt und Jon ihr eigenes Bäumchen: 1990 gründeten sie ihr Plattenlabel Ninja Tune, eine Errungenschaft, für die ihnen noch Jahrzehnte lang Dank ausgesprochen gehört.

 

 

Eigentlich war die Gründung des Labels ein Ventil für Jon uns Matt, die sich nicht aufraffen konnten, für die Plattenfirma Big Life, bei der sie unter Vertrag standen, ein weiteres Kommerz-trächtiges Coldcut-Album aufzunehmen. Stattdessen produzierten sie Tracks für die vorwiegend instrumentale Vinyl-Serie DJ Food – buchstäblich Futter für die DJs der Londoner Clubs. Folge dieser aktiven Prokrastination: Das zweite Coldcut-Album, Philosophy, erschien erst 1994 auf dem eigenen Label.

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Manifesto: Auf diesem Doppelalbum (CD) mixten sich Coldcut gemeinsam mit ihrem japanischen Gast DJ Krush durch den Ninja Tune Back-Katalog. Muss man gehört haben. Cold Krush Cuts, 1997

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Es ist serviert: Futter für DJs – DJ Food. A Recipe For Disaster, 1995

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Die ersten Veröffentlichungen von DJ Food verschafften dem Label rasch den Ruf, funky, filmische und vielseitige Sachen zu veröffentlichen. Bald versammelten sich weitere Ninjas im alten Warenhaus am Ufer der Themse: Patrick „PC“ Carpenter, Strictly Kev, DK, Hexstatic, James Braddell (Funki Porcini, 9 Lazy 9), DJ Vadim, Ollie Teeba und Jake Wherry von The Herbaliser, Luke Vibert (Wagon Christ), Bonobo, The Bug, Roots Manuva und Fink. Gestalten, die in Kapuzen-Pullis durch die Dunkelheit der Winchester Werft huschten, bewaffnet mit Mixtapes, scharfem Gespür für Stil und Vinyl-Testpressungen ihrer Musik.

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In the mix: PC und Strictly Kev hypnotisieren die Crowd. London, 1995
Photo: Martin LeSanto-Smith

 

Shinobi Evolution. Ursprünglich vom heutigen The Guardian-Art Director Mark Porter entworfen und von Kevin Foakes weiterentwickelt, durchlief das Logo des Labels verschiedene Stadien

 

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Schatten und Spiele

30 Jahre danach hat die subversive Musikmission ihr HQ nicht mehr in der leicht abgefuckten Werft bei der London Bridge, sondern im gediegeneren Südlondoner Stadtteil Kennington.

Während Jon sich gerade über neue Distributionswege schlau macht und im Hintergrund selbst Kartons durch die Gegend wuchtet, lacht Matt wie eine fröhliche Hexe, als er wieder einmal erzählt, wie Ninja Tune zu seinem Namen kam: „Jon und ich kamen erstmals in Kontakt mit der Figur des Ninjas, als wir 1990 mit Beats International (mit dem damals noch nicht als Fatboy Slim berühmten Norman Cook) auf unserer ersten Japan-Tournee waren und alte Schwarz-Weiß-Fernsehprogramme aus den 50ern und 60ern in unseren Hotelzimmern sahen.“

Jon: „Der Sound dieser Serien war stets leise und spannungsgeladen. Die Handlung spielte meist in einem wunderschön gestalteten Spielzeughaus aus Pappe. Hinter seinen Fenstern erschien ein Ninja aus Balsaholz, der sich dann blitzschnell zurückzog und den Betrachter sich wundern ließ, in welchem ​​Fenster er wohl das nächste Mal erscheinen würde.“ Matt: „Diese Ninjas waren nur Theaterrauch und Spiegel, die die Menschen mit ihren Fähigkeiten unterhielten und sehr verstohlen waren. Wir fingen an darüber zu reden, wie ähnlich sie uns waren.“

 

„Always changing, and always the same.“

–Ninja

 

Sowohl Jon als auch Matt fanden die Idee des Überraschungsangriffs gut genug, um ihr frisch gegründetes Label nach den nachtschattigen kleinen Kriegern zu benennen.

Der Sound der ersten Ninja-Tune-Releases war auf diese Optik des Shinobi (Jap.: „Mann, der im Verborgenen lauert“) ausgerichtet: akustische Täuschungen, Killerbässe und doppelte Böden, überraschende scharfe Sounds von Gongs und Säbelklirren. Sushimesserscharfer Turntablism von handschweißkorrodierten Technics-Decks. Klare Brian-Eno-Sphären, über geloopte Afrofunk-Breaks von Fela Kuti gelegt. Dramatische Fanfaren aus vergessenen Hollywood-Schmonzetten der 40er Jahre trafen auf mit grünem Gold gewürzten Easy-Listening von Cal Tjader und Lalo Schifrin.

Dazu smart platzierte Stimmsamples aus Humphrey-Bogart- und Bruce-Lee-Filmen, pseudofuturistische Geräusche aus Serien wie Doctor Who oder Mondbasis Alpha Eins, Balinesische Gamelan-Musik in Zeitlupe, zu Melasse zerlaufene Dub-Schlieren von Jamaikanischen Roots-Platten, dunkle Funk-Tunnels und flüssiger Drum’N’Bass, kriegerischer Rap-Rock, verstörender Elektro-Blues und Einstreusel von Free Speeches oder Beatnik-Lesungen, die den politischen Raum, in dem sich Tanzmusik immer auch bewegt, in die Welt hinaus erweiterten. Und zur Abkühlung türkis-kühler Chill-Out, akustische Postkarten von pazifischen Gestaden.

All diese Einflüsse bildeten einen sexy, behaglichen und hypnotischen Sog mit tausenden Klängen aus einem Plattenshop des hellen Wahnsinns. Genre-Namen wie ‘Trip-Hop’ und ‘Future Jazz’ mögen zwar ärgerlich flach klingen, doch in ihrem Kern beschreiben sie eben auch ziemlich treffend einen Sound, dessen Vorreiter die Artists des Ninja Tune Labels waren: Musik zum Wachträumen für den Groove Richtung Zukunft.

 

::: Solid Steel presents Hexstatic Mix :::

 

Lauschen und lernen! Hexstatic mit einer klassischen Solid-Steel-Stunde

Frisch und frech

Wie sieht sich der wahre Ninja eigentlich selbst gerne? Die Liner Notes der Xen Cuts-Compilation aus dem Jahr 2000 geben Auskunft: „Der Ninja steht für Bescheidenheit, mangelnde Pomposität, Demut. Er hüpft mit einem Augenzwinkern durch ein Feld steifer Oberlippen.“ Das Motto, das sich nicht nur auf die Ninja-Tune-Clubnacht gleichen Namens bezog, war ‘Stealth’ (Tarnung): Gleite unter dem Radar dahin. Tue Gutes im Verborgenen. Agiere aus dem Schatten. Lass zum Schluss nicht die Dunkelheit gewinnen, sondern das Licht.

Im Jahr 2020, 30 Jahre nach seiner Gründung, trifft diese Haltung immer noch auf das Label zu, das sich in so vielerlei Hinsicht von der übrigen Musiklandschaft Großbritanniens abhebt. Ninja Tune war von Beginn an ein Freiraum mit einer alternativen Philosophie, für die Matt und Jon standen.

„Die Leute wussten wirklich, dass Coldcut die Flagge hochhielt und der Musikindustrie den Mittelfinger zeigte, weil wir alles selbst in die Hand nahmen: von der Plattenpresse über die Veröffentlichung durch unser Publishing (Just Isn’t Music), die Distribution und das Booking bis zu T-Shirts, Slipmats, Zigarettenpapier und Ninja-Puzzlespielen. Weil wir unseren eigenen Standards, unserem eigenen Code folgen“, sagt Matt und hüllt sich etwas tiefer in seinen tibetischen Zauberermantel.xx

 

Meister des Plattenfachs: Matt Black (l.) und Jonathan More. Ihre Softwear Ninja Jamm kann man übrigens hier herunterladen.
Photo: Liam Ricketts

 

Jon: „Ich denke, der Grund, warum wir bis heute überlebt haben, ist, dass wir nicht nur selber leidenschaftliche Fans und Musikliebhaber sind, sondern tatsächlich ein gewisses pragmatisches Verständnis des Musikgeschäfts haben, während viele andere Indies und Hippie-Labels dies nicht haben.“

Diese bodenständige Einstellung schlägt sich auch in der Art nieder, wie Ninja Tune seine Künstler behandelt und am Umsatz beteiligt. Als Label ist Ninja Tune nämlich unerhört großzügig zu seinen Artists.

DJ Food Flyer, 2006

Geschäftsführer Peter Quicke: „Die meisten Künstler verlassen uns nicht, auch wenn wir als Firma zwischen 2002 und 2008 am Ruin entlang geschrammt sind. Ich denke, das liegt daran, dass wir immer versuchen, einen Weg zu finden, um unseren Künstlern entgegenzukommen. Alle Einnahmen und Kosten werden zu gleichen Teilen geteilt. Ich denke, das schafft Loyalität. Wir führen eine Art von kooperativem Kapitalismus aus, wie Matt es nennt.“

Matt: „Die Idee des 50/50-Deals hat uns immer gefallen, weil sie uns am fairsten schien: gleichwertige Partnerschaft und gleichwertige Motivation. Jon und ich verwenden diese Vereinbarung auch zwischen uns beiden. Schon früh hatten wir angefangen darüber zu streiten, wer was auf allen Platten getan hatte, und dann dachten wir, verdammt noch mal, alles, was Coldcut ist, wird 50/50 aufgeteilt!“

Doch womit verdient ein Indie-Label wie Ninja Tune im Jahr 2020 überhaupt sein Geld? Schließlich müssen mehr als 60 Mitarbeiter und Büros in London, Montreal und L.A. bezahlt werden. Peter Quicke peilt über den Daumen, dass etwa ein stattliches Drittel noch immer über handfeste Tonträger, Vinyl und CDs, eingespielt wird. Ein weiteres Drittel kommt durch digitale Formate (Streaming und Downloads) auf Spotify und iTunes herein und der Rest über Lizenzen für Fernsehsender, Videospiele, Film- und Seriensoundtracks.

 

„Ninja Tune? Zuverlässig exzellent!“

–Time Out

 

Der Ninja-Katalog war von Anfang an auf Underground / Dancefloor / Hip-Hop / Chill-Out spezialisiert und wird ständig um experimentelle elektronische Musik und jazzige Tanzmusik (über die Sublabels NTone und Ninja Tuna), Hip-Hop (über das Sublabel Big Dada) und sogar Rock (Check) erweitert. Auf Counter Records und Werkdiscs erscheint, was die Ninjas als „Post Dubstep Diaspora“ beschreiben. Und für das geistesverwandte Label Brainfeeder aus L.A. hat Ninja Tune den weltweiten Vertrieb außerhalb der USA übernommen.xx

 

Jetsetting und Trendsetting: Peggy Gou – DJ, aber auch Producer/Vokalistin aus Seoul, mittlerweile Wahl-Berlinerin. Seit 2016 auf Ninja Tune

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Für viele war das erste klassische Ninja-Album 1995 Hed Phone Sex von Funki Porcini, dem zwischen London und Rom nomadisierenden Downbeat-Pionier James Braddell. Später repräsentierte der in Brasilien geborene Soundscapist Amon Tobin, der schrullig-verspielte Mr Scruff, die üppige, orchestrale Pracht des Cinematic Orchestra, elegische Spoken-Word-Poesie von Kate Tempest oder die gebündelte Hip-Hop-Power der Young Fathers den Geist des Labels: bahnbrechend, unermüdlich, eklektisch.

Wie wird man eigentlich Ninja-Tune-Artist? Jon: „Du musst durch die 36 Kammern der Shaolin. Wenn du das schaffst, bist du dabei (lacht). Nein, im Ernst, die Acts, die zu uns passen, finden auch zu uns, wenn es auch länger dauern kann. In jedem Fall sind Ninja-Artists originelle, meist irgendwie leicht beschädigte Charaktere. Wenn jemand uns beeindrucken will, indem er vorgibt, Musik wie Cinematic Orchestra zu produzieren, kann ich nur sagen: Sorry, aber wir haben schon das echte Cinematic Orchestra gesignt.“

Solid Gold aus vollem Herzen: Andreya Triana, ehemals Bonobo-Sängerin, veröffentlichte 2010 ihr Debüt auf Ninja Tune

Matt: „Weißt du, Thelonious Monk hat mal gesagt, jeder sei ein Genie darin, er oder sie selbst zu sein. Das ist auch der Leitsatz, nachdem jemand für mich ein Star ist: Jemand, der es geschafft hat, seine Neurosen in einen unterhaltsamen Charakter umzuformatieren. Schau dir Mr Scruff mit seinen Tee trinkenden Walen an oder Kid Koala in seinem Bärenkostüm.“

Matt fährt fort: „Doch wofür wir überhaupt keine Zeit haben, sind künstlerische Nervenzusammenbrüche oder Telefonterror von der Sorte, „Hey Ninjas, kommt nächste Woche bei meinem Flohmarkt-DJ-Abend in Camden vorbei und hier ist meine Mixcloud-Seite. Meldet euch, bitte, bitte!“xx

 

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Audio und Video

Seit jeher ist für Matt und Jon die visuelle Ergänzung zur Musik entscheidend. Matt: „Nicht wenige Künstler haben eine starke visuelle Seite. Unser Mitstreiter Strictly Kev (Kevin Foakes, Teil des hausinternen Kollektivs DJ Food) ist ein gutes Beispiel. Kev und seine Freunde waren auf der Camberwell Art School. Gleichzeitig machte er Ambient Musik in einem Kollektiv namens Telepathic Fish. Er passte gut zu uns und wir brauchten jemanden, der Ninja Tunes’ grafische Identität bestimmte. Kev war die Person, die Musik, Cut-Ups und DJing verstand und liebte, aber auch als Grafiker extrem fingerfertig war. Er war ein wichtiger Fund für das Label.“

Soundcollage: Darren „DK“ Knott (l.) und DJ/Grafiker Strictly Kevin Foakes. Zweite Garde im Labelgefüge

Visuell avantgardistisch waren auch viele Covers der Releases aus dem Hause Ninja Tune. Jon: „Mitte der 90er Jahre verkauften wir fast nur noch Vinyl. Ninja steigerte immer noch seine Popularität und Verkäufe. Doch wir waren mehr an der Nutzung und Vernetzung verschiedener Technologien interessiert und haben in Folge das Multimedia-Labor Hex und das Piraten-TV-Projekt Global Chaos gestartet. Das war die Verbindung, die wir herstellen mussten, um audiovisuelle Live-Shows in die ganze Welt zu streamen. Es war der Boiler Room, bevor es den Boiler Room gab.“

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Coldcut ::: More Bits and Pieces

 

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2020 ist Ninja Tune das am längsten laufende und einflussreichste Label für elektronische Musik; eine tapfere, vielseitige Dynastie, die es geschafft hat, von ihren Trip-Hop-, Acid- und IDM-Tagen bis zum heutigen Tag relevant zu bleiben. Sie revolutionierte die Tanzmusik als eigenständige Künstlergruppe mit einem brandneuen Audio-Collage-Ansatz des Cutting und Sampling, der Mitte der 80er Jahre noch Neuland gewesen war.

Und was ist den Label-Betreibern an musikalischen Veränderungen in den letzten Jahren aufgefallen? „Ich glaube, wir sind als Kultur und auch als Independent-Label wieder ein bisschen mehr zum Songformat zurückgekehrt. Wir Menschen lieben Geschichten, Story-Telling. „Right about now, the funk soul brother… wird auf Dauer niemals mit Honky Tonk Women konkurrieren können“, meint Matt. „Für einen Moment, ja, aber nicht langfristig. Menschen werden immer zu Liedern zurückkommen, die sie mitsingen können.“

Ist es auch das, was Menschen von Robotern und Androiden unterscheidet? Geschichten zu erzählen? Sich selbst in Geschichten zu erfahren? Matt: „Ich denke schon, ja. Wir Menschen brauchen Geschichten, so wie ein Song oder ein Kunstwerk eine Botschaft braucht. Mir reicht kein schönes Bild oder eine hübsche Melodie allein, ich mag Kunst mit einer Haltung. Ich teile die Meinung von Leuten wie Gibson, Hawking oder Elon Musk: Künstliche Intelligenz ist die größte Chance und gleichzeitig die größte Gefahr für die Menschheit. Doch was unterscheidet uns von Androiden? Schau dir Blade Runner an: Es ist die Fähigkeit, sich in einem anderen Lebewesen wiederzuerkennen, es ist die Fähigkeit zum Mitgefühl  – Empathie.“

Zen Delay, entwickelt von Matt Black und seinen Kumpels bei Erica Synths. Kostenpunkt: € 595.-

Auch wenn es nicht gerade ein Android ist, aber: Ein neues Tech-Toy hat Matt unlängst selbst entwickelt – ein handliches Röhren-Effektgerät im mattschwarzen Ninja-Design, gebaut zur Verfremdung von Stereo-Signalen und mit MIDI ansteuerbar: Das Zen Delay. Es ist momentan Matts ganzer Stolz. Er dreht an Knöpfen. Es zirbelt und raunt, es grammelt und tschilpt. Rote Lichter blinken. Matt grinst spitzbübisch – ein kleiner Junge mit seiner Roboter-Show.

 

 

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BONUS

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 Ninja Tune XXX / DJ Simonside Selection

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Coldcut ::: Onamission

Hexstatic ::: Ninja Tune

Hexstatic ::: Telemetron

Funki Porcini ::: B-Monkey

The Herbaliser ft Bahamadia ::: When I Shine

Up, Bustle & Out ::: Y Ahora Tu

Coldcut ::: Timber (DK Recut)

Roots Manuva ::: Witness (One Hope Dub)

Mr Scruff ::: Ug

Amon Tobin ::: Verbal

The Herbaliser ::: A Mother For Your Mind

DJ Vadim ::: Theme From Conquest of the Irrational

Cinematic Orchestra ::: Channel 1 Suite

DJ Food ::: Scratch Yer Hed (Squarepusher Mix)

DJ Food ::: Freedom (Fila Brazillia Remix)

9 Lazy 9 ::: Black Jesus

Mr Scruff ::: Jazz Potato

Bonobo ::: Flutter

Coldcut ft Roots Manuva::: True Skool

Kid Koala ::: Slew Test 2

The Herbaliser ::: It’s Just For You

9 Lazy 9 ::: Train (Marden Hill Remix)

DJ Food ::: Dark Lady

The Herbaliser ft Jean Grae ::: The Blend (J-Large Remix)

Peggy Gou ::: It Makes You Forget

Peggy Gou ::: Han Jan

The Irresistible Force ::: Nepalese Fish Dances (Fila Brazillia Remix)

Steinski ::: The Xen To One Ratio

Fink ::: Ninjah (We Are Ninja)

London Funk Allstars ::: Love Is What We Need