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::: Jamaika :::

KÖNIGIN DER KARIBIK

Jamaika ist weltberühmt für seine Musik. Dennoch ist die immergrüne Insel in der Karibik nach wie vor ein Geheimtipp für europäische Touristen. Bericht einer Reise, die in den kühlen Wolken der Blue Mountains beginnt und im aprikosenfarbenen Sonnenuntergang vor Negril endet.

(Hin&Weg Reisemagazin, 2018)

 

vibzen.com

 

Wir erwachen mit der Sinfonie der Natur rund um unsere Hütte: Hähne krähen wie zum jüngsten Gericht, gefühlte 30 der etwa 80 Vogelarten Jamaikas krakelen, pfeifen, tschilpen und zwitschern. Sobald die Sonne hinter den runden, waldigen Schultern der über 2000 Meter hohen Blue Mountains hervor blinzelt, sitzen wir auf der kleinen Veranda und unser Host William serviert uns den besten Filterkaffee, den ich seit langem getrunken habe.

William, der gepflegte Dreadlocks zu orangem Adidas-Trainer trägt, wartet mit verschmitzten Augen auf unser Urteil. Ich schlucke und nicke anerkennend. Williams Frau Nancy, die eines der beiden Kinder im Arm trägt, lacht wissend und William gibt sich selbst die Antwort: „Best coffee known to I-manity. Yeah mon!“ Das bedeutet: Der beste Kaffee, den die Menschheit kennt. „Yeah mon“ ist die ultimative Bekräftigung des Positiven. Nur der Ausdruck irie (gesprochen: eirie) drückt noch stärker aus, das alles so ist, wie Gott es wollte.

Der Kaffee aus den Blue Mountains ist aufgrund seiner relativ geringen Erntemengen eine rare Spezialität.

Die Blue Mountains im Osten von Jamaika sind nicht nur für ihre schöne Berglandschaft (oben) bekannt. Hier wird auch eine der besten Kaffeesorten der Welt angebaut. Die größten Abnehmer sind übrigens die Cafés in den hippen Bezirken Tokios.

Er reift lange an den feuchten, vulkanischen Hängen und schmeckt tatsächlich vorzüglich: weich, intensiv nussig und fein karamellig. Nach dem Frühstück und Williams Wegerklärung radeln wir auf Eigeninitiative durch die Wälder.

Wir durchqueren kleine Furten unter Wasserfällen und laben uns an den wenigen Sonnenstrahlen, die durch die Dschungeldecke stechen. Nur einmal kreuzt eine Herde zutraulicher Ziegen unseren Weg, sonst begegnen wir niemandem. Es ist erstaunlich kühl hier heroben auf 1000 Metern über dem Meer und ich bin froh, meine Skijacke mit Kapuze mitgenommen zu haben. Auch dünne Handschuhe wären kein Fehler gewesen, aber wer denkt schon an sowas, wenn er in die Karibik reist!

 

Tausend Töne Grün

Der fette Frühnebel hat sich bereits verflüchtigt und nur mehr vereinzelt greifen lange Schlieren durch die dichten Dschungelhänge und steilen Farnfelder. Die üppige Natur verausgabt sich in tausenden Grünschattierungen, akzentuiert mit prachtvollen, knalligen Farben: Asteriden, Myrten und Orchideen feiern ihr Dasein im schicksten Kleidchen. Manche der Vögel brillieren, als wären sie fliegende Edelsteine. Allen voran natürlich der „doctor bird“, Jamaikas Wappentier, ein smaragdgrün schillernder Kolibri mit blutrotem Schnabel und langen schwarzen Schwanzwimpeln.

Port Antonio von oben.               ©Robert Harding / VideoBlock

 

Am folgenden Tag brechen wir mit dem Jeep in Richtung Port Antonio auf, der Hauptstadt des Portland Parish. William hat uns an seine Cousins Justin und Edmund weitergereicht. Edmund, von uns liebevoll „Mundl“ genannt, sieht mit seinen verspiegelten Sonnenbrillen aus wie Peter Tosh und weiß viel über die Gegend. Das ist auch gut so, denn kaum haben wir es uns im erstbesten Café der beschaulichen Hafenstadt bequem gemacht, beginnt es auch schon zu regnen. So vertreiben wir uns den Nachmittag mit Mundls Erzählungen, spielen Domino und machen lockere Bekanntschaften auf der überdachten Veranda des Cafés.

 

Das coolste Kind der Welt

Inmitten einer Gruppe von Jungs im Volksschulalter, die neben dem Lokal abhängen, lehnt ein hochgewachsenes, vielleicht zwölfjähriges Mädchen an der Mauer. Sie trägt sonnengebleichte Dreadlocks und ein weißes Kleid mit schwarzem Leopardenprint, ist schockierend schön und eindeutig die Chefin hier. Das merken wir am respektvollen Verhalten der Rasselbande um sie herum. Als sie merkt, dass wir von ihrem Hofhalten beeindruckt sind, mustert sie uns Weißbrötchen mit der gleichmütigen Würde einer Königin.

Jamaikanische Landjugend.                       ©CPCollective.com

 

Mundl erzählt von Port Antonios Vergangenheit als Bananenhafen und Enklave für allerlei Piraten der Karibik, echte und filmische – von Henry Morgan bis zu Errol Flynn, der in einer Bucht mit seiner Yacht Zaca Schiffbruch erlitten haben soll und sich in die Gestade von „Portie“ verliebte. Die Entscheidung des Hollywood-Freibeuters, sich hier niederzulassen, ist leicht nachvollziehbar. Majestätisch wiegen sich die Palmen im Wind, dramatisch türmen sich die Wolken im karibischen Himmel, und der Blick auf die düsteren Lichtstimmungen im Landesinneren lässt uns erst jetzt verstehen, weshalb die Blauen Berge so genannt werden.

Auch eine „Blaue Lagune“ gibt es hier, nur wenige Kilometer östlich des Doppelhafens von Port Antonio, und die wollen wir am kommenden Morgen, der ruhig und sonnig ist, besuchen. Leider ist sie etwas überlaufen, aber an Badebuchten herrscht zum Glück kein Mangel. Die Nordküste streckt viele bewaldete Landzungen ins Meer hinaus und dazwischen finden sich idyllische Lagunen mit Resorts und öffentlichen Stränden.

Klassisch schönes Szenario für entspannte Tage in der Karibik.              ©flckr

 

Bei der Frenchman’s Cove kommen wir auf unsere Rechnung: Wir werfen uns zum ersten mal in die blaugrünen Wellen der Karibik und schwingen auf den Seilschaukeln die von den Bäumen baumeln, bis sich der Hunger meldet.

Typische Speisen in vollendeter Zubereitung findet man auf Jamaika oft in einfachen Tavernen oder Kiosk-Buden, sogenannten „Jerk-Centers“. Jerk ist popularitätsmäßig das Wiener Schnitzel der Karibik. Dabei handelt es sich um auf Pimentholz („allspice wood“) gegrilltes Fleisch in einer süß-scharfen Marinade. Aber auch als Vegetarier kann man auf Jamaika ausgezeichnet essen, denn die i-tal-Küche der Rastafaris ist weit verbreitet und die Vielfalt der kultivierten Früchte und Gemüse endlos. Auch gut haben es Pescetarier wie wir – einige Nationalspeisen Jamaikas kommen täglich frisch aus dem Meer: Salzfisch mit Akee (Seifenbaumfrucht), Escovitch (gebeizter Fisch) und Fish Tea (eine Art Bouillabaisse).

 

Sound und Sunset

Eine Woche später verabschieden wir uns von unseren Gastgebern und machen uns mit einem Mietwagen auf in Richtung Montego Bay, im Westen der Insel. ”Mo“-Bay mit seinen Einkaufspalästen, Nachtclubs und Familienresorts ist das größte Tourismuszentrum der Insel. Weißen Sandstrand gibt es dort mehr als genug: Zwischen der Bloody Bay im Norden und Long Bay im Süden hat Mutter Natur den Seven Mile Beach ausgerollt. Danach wollen wir noch mit dem Rad das Hügelset hinter Negril und mit der Schnorchelausrüstung die Riffs davor auskundschaften.

Die Fahrt geht über die einwandfrei instand gehaltene Küstenstraße, vorbei an großen Ortschaften wie Ocho Rios und Runaway Bay, die sich durch Shacks und Shanty Towns ankündigen. Viele Jamaikaner leben in Armut, die sie aber durch bunte und stilbewusste Gestaltung der bescheidenen Lebensumstände erträglicher machen.

Robert Nesta Marley (1945 – 1981), Sohn eines Engländers und einer Jamaikanerin, gilt noch heute als Nationalheiliger der Insel.                                   ©Denis O’Regan

Und natürlich durch die Musik: Ohne Musik wäre auch Ihre Jamaika-Reise – so wie das ganze Leben, wenn man Nietzsche glaubt – ein Irrtum. Reggae und Dancehall, oft gleichzeitig aus vielen Quellen ist allgegenwärtig und meistens laut. „In Jamaica, riddim permeate ev’ryting“, hat Justin uns vor ein paar Tagen erklärt: Egal, ob du sprichst, gehst, tanzt, Liebe machst oder am Feld arbeitest, alles folgt dem Pulsschlag des Lebens, dem Groove, dem Rhythmus, dem „Riddim“.

Und so kommt es, dass wir bei feinster und basslastiger Beschallung von Gregory Isaacs bis Lee Perry vor Rick’s Café auf den Felsen Negrils sitzen. Dann springen wieder ein paar überdrehte Cliffjumper in das Naturbecken zehn Meter unter uns und wir prosten uns mit den kleinen bombenförmigen Red-Stripe-Bierflaschen zu. Jamaika? No Problem! Mit dieser Einstellung kann ja nichts schief gehen, denke ich mir. Die Sonne verabschiedet sich in einem Farbrausch aus pfirsischrot und orange vom Himmel. Der Reggae-Herzschlag aus den Bassboxen jedoch pulsiert weiter.

*

 

 

BONUS

Bücher über Jamaika (englische Originalausgaben):

Patrick Leigh Fermor ::: The Traveller’s Tree (Hodder & Stoughton, 1950)
Jean Rhys ::: Wide Sargasso Sea (W. W. Norton & Co., 1966)
Timothy White ::: Catch a Fire – The Life of Bob Marley (Elm Tree Books, 1983)
Michelle Cliff ::: Abeng (Plume, 1984)
P. Sherlock / H. Bennett ::: The Story of the Jamaican People (Ian Randle Publ., 1998)
Patrick Cariou ::: Yes Rasta (photographs; text by Perry Henzell; Power House, 2000)
Marlon James ::: The Book of Night Women (Riverhead Books, 2009)
Veronica V. Sutherland ::: Wisdom From Ole Time Jamaican People (Create Space, 2012)
Marlon James ::: A Brief History of Seven Killings (Riverhead Books, 2015)

 

Fragebogen Jamaika:

1. Jamaika ist …

… ein seit 1962 unabhängiger Inselstaat, der zum Britischen Commonwealth of Nations gehört.

2. Beste Reisezeit:

Das ganze Jahr über. Im Mai und Juni, sowie im Oktober und November regnet es häufiger, vor allem im östlichen Teil der Insel. Hochsaison (viele US-Amerikaner) ist von Dezember bis März.

3. Gute Gründe, um nach Jamaika zu fahren:

Essen
Leute
Natur
Musik

4. Wenn Jamaika eine Person wäre, dann wäre sie:

Rita Marley

5. Zur Einstimmung:

Ein Film: Dickie Jobson ::: Countryman (1982). Auf deutsch Countryman
– Verschollen im Dschungel von Dickie Jobson (1982). Ein jamaikanischer Fischer wird in die Intrigen des amerikanischen Militärs verwickelt. Der Regisseur war übrigens einmal Manager von Bob Marley und den Wailers. Produziert wurde der Film von Island-Records-Gründer Chris Blackwell.

Ein Lied: Wingless Angels ::: Enjoy Yourself (1997). Die Rasta-Musikergruppe mit ihren mächtigen Nyabinghi-Trommeln spielte 1996 mit Keith Richards als Produzent ein Album auf dessen Anwesen Point of View in Ocho Rios ein. Alte englische und irische Hymnen und Kirchenlieder, dazu der beruhigende Ruhepuls von Mama Afrika und das Grillenzirpen auf der Veranda.

Ein Getränk: Milk Punch (Rum, Milch, Kokosnussmilch, Simple Sirup und Zimt)

6. Ich packe meine Siebensachen: Was muss unbedingt in den Koffer?

Sonnencreme und Schnorchelausrüstung
Sportsandalen mit gutem Profil
Stirnlampe für Höhlenerkundungen
Adapter für amerikanische Steckdosen
Ohropax

7. Gut ankommen. Am besten mit:

Austrian (in Kooperation mit United) fliegt ab € 800.- von Wien nach Montego Bay.
Iberia von Wien nach Montego Bay ab 600 €.-
Condor von Frankfurt nach Montego Bay ab € 350.-

8. Gut herumkommen. Am besten mit dem:

Flugzeug: Kingston, Negril, Ocho Rios und Portland verfügen über Binnenflughäfen. Negril – Kingston: Täglich mit Intercaribbean, Dauer: 35 Minuten.

Bus: Dichtes Öffi-Netz, allerdings richten sich Abfahrtszeiten danach, ob der Fahrer den Bus als voll betrachtet. Aussteigen kann man immer: Dem Busfahrer einfach „One Stop!“ zurufen.

Shuttle oder Route Taxi (mit roter Nummerntafel!): Der populärste Transportmodus. Kleingeld mitnehmen, die Fahrer können oft nicht wechseln.

Leihwagen: Zwischen (umger.) € 40.- und 100.- pro Tag. Vorsicht: Schlechte Straßen im Landesinneren!

Mountainbike: Unbedingt griffige Reifen für Trails. Radfahren auf den Verkehrsstraßen Jamaikas ist nicht zu empfehlen.

9. Glossar – welche Redensarten sollte man kennen?

Yeah Mon… „Ja, absolut!“
Ev’ryting’s irie… „Ich bin mit der Situation sehr zufrieden.“
Wagwan?… (eigentl. „What’s going on?“) „Was gibt’s Neues?“
Bredda, Sista… Bruder, Schwester. Damit können netterweise auch Sie gemeint sein.
Cris!… eigentlich „crisp“, bedeutet soviel wie „super“, „exzellent“.
One Love!… Die eine große Liebe verbindet uns alle.
Lickle More!… (eigentl. „in a little more time“) Bis später!

10. Was sollte man auf keinen Fall verpassen?

Buschmedizin-Wanderausflug

Bekletterbare Wasserfälle im Dschungel

Weltklasse-Rifftauchen

Besuch einer Kaffee-Rösterei in den Blue Mountains

Seafood-Liebhaber: Willkommen im Himmel!

11. Dos & Don’ts.

Höfliche Anrede: „Sir“ und „Madam“. Vornamen erst, wenn man sich besser kennt.

Entspannen Sie sich. „Soon come!“ Es passiert, wenn es passiert und das ist nicht immer unbedingt dann, wann Sie es wollen…

Jamaikaner sind freiheitsliebend und starke Persönlichkeiten. Lassen Sie sich nicht durch eine solche verschrecken, sondern nehmen Sie’s mit Humor.

12. Womit bezahlen?

Der Jamaika-Dollar (J$, „Jay“) ist in 100 Cents unterteilt. Ein Euro entspricht etwa 154 J$.

13. Gut zu wissen:

Auf Jamaika gilt Linksverkehr.
Marihuana („Ganja“) ist auf Jamaika illegal.
Das Leitungswasser ist fast überall trinkbar.