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HEINRICH HARRER ::: Eine Begegnung

Harrer am Tiemberg in Kitzbühel_1960
Heinrich Harrer (1912 – 2006) in den Sechziger Jahren in Münichau bei Kitzbühel.

 

Es muss Anfang der Achtziger Jahre gewesen sein. Ich war damals etwa acht oder neun Jahre alt, da hatte ich eine prägende Begegnung mit einem alten Mann von wildem Äußerem und hitzigem Temperament. Von seiner aufsehenerregenden Lebensgeschichte erfuhr ich erst später. Sein Name: Heinrich Harrer.

Heinrich Harrer, der Bergsteiger, Forscher und Weltreisende hatte seit seiner Rückkehr aus Asien 1952 immer wieder in Kitzbühel gelebt und dort auch seinen Weltbestseller Sieben Jahre in Tibet verfasst – manche sagen, mit großzügiger editorischer Hilfe seiner damaligen Frau. 1959 half er wiederum, ebenfalls in Kitzbühel, Tubthen Norbu, dem ältesten, 2008 verstorbenen Bruder des Dalai Lama, seine Memoiren zu Papier zu bringen.
Wenn nicht auf Forschungsreisen oder in seinem Liechtensteiner Anwesen, wohnte Harrer mit seiner Familie in einem weitläufigen, mit Panoramascheiben versehenen, und mit einer Sonnenuhr bemalten Haus an den Ausläufern des Bichlach-Hügelzuges, gleich oberhalb von Schloss Münichau. Im Dorf Reith, etwa einen Kilometer entfernt, hatten Harrer und seine Frau Carina im Nachbarhaus des Büros meines Vaters einen Parkplatz in der Tiefgarage gemietet.

Eines Nachmittags reversierte Harrer seinen Range Rover aus seinem Garagenplatz heraus. Offenbar mit Verve und ohne sich lange umzusehen, denn er fuhr mit einem weithin hörbaren Kracher in einen Stapel Kartons, die einen Teil der Winterkollektion meines Vaters enthielt, der damals noch als Importeur von Sportbekleidung arbeitete. Es werden dabei wohl einige Kleidungsstücke zu Schaden gekommen sein, als Kläger in dieser Angelegenheit ging jedoch nicht mein gutmütiger Vater hervor, sondern Harrer, der sich beschwerte, dass die Kartons im Weg gestanden seien, obwohl sie nur am Standplatz meines Vaters übereinander getürmt waren.

Jedenfalls machte der wutentflammte Harrer – er kam wegen der Kollision zu spät zu einer Golfpartie – einen tiefen, wenn nicht sogar erschütternden Eindruck auf mich. Meine Neugier war durch das Reifenquietschen, das rote Blinken der Bremslichter und die erhobenen Stimmen geweckt worden. Während sich seine Frau und meine Mutter noch recht temperamentvoll einschenkten, entfernte sich Harrer vom Ort des Zwists und traf mit mir, unerwartet für uns beide, plötzlich vor der Tiefgaragenausfahrt zusammen. Seine Erscheinung erinnerte mich an einen Uhu nach dem Waldbrand. Breit gebaut stand Harrer vor mir, mit rosa schimmernder Glatze, die von einem wehenden Kranz schlohweißen, langen Haares umflort und von asiatischen Sonnenbränden wie säuregezeichnet war. Gleichzeitig war da eine strahlende, energische Erfülltheit und ein willensstarkes Selbstbewusstsein, das mir bis dahin unbekannt war: Ein Mann, der in seinem eigenen Feuer zu stehen schien, und dabei nur oberflächliche Verbrennungen davon trug – eine Art Niki Lauda des Höhenbergsteigens.

Himmelblaue Augen, deren strenger, kristalliner Blick noch durch ein herabhängendes, rotentzündetes Lid verschärft wurde, verliehen ihm die wilde Aura einer zerstörerischen, zürnenden Tibetischen Gottheit.
Im selben Moment aber schien seine gesamte Ausstrahlung auf einmal spürbar weicher zu werden, und das Feuer seines Temperaments augenblicklich fahler. Heute habe ich den Verdacht, dass es ihm einfach zu blöd war, in Gegenwart eines Kindes so kleinlich und zänkisch zu sein.
Mein Vater, mit einer jugendlichen Faszination für Forscher und Abenteurer gesegnet, fand ganz spontan: mit den beschädigten Overalls könne es so weit nicht her sein, dass er sich mit Heinrich Harrer einen Streit anfangen wollte. Als Versöhnungsangebot schenkte er ihm daher einige Tage später ein paar, selbstverständlich unbeschädigte, Hemden. Daraufhin zog Carina Harrer ein Schnütchen und meinte: „Das ist zwar lieb von Ihnen, aber mein Mann trägt nur Maßhemden.“

Nichts destotrotz habe ich heute noch die gebundene Ausgabe von Sieben Jahre in Tibet in meiner Bibliothek, mit einer tibetischen Widmung von ihm, die meine Mutter von einer Lesung kurze Zeit nach dem Zwischenfall mit den Kartons mitbrachte – offenbar hatten die Erwachsenen ihr Kriegsbeil begraben.

Harrer und Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama als Teenager in Lhasa.

Die Lektüre seines Buches tat erwartungsgemäß ihr übriges: Sie löste in mir die immerwährende Sehnsucht nach der weiten Ferne Asiens aus, der ich nun schon oft nachgekommen bin. Die beigen Hochebenen Tibets unter azurblauem, wattewolkigem Firmament, das Licht Südostasiens, ja sogar die erste morgendliche Helligkeit am Ostgrat unseres Wilden Kaisers waren fortan ein Versprechen für mich – von Freiheit, Weite und Leichtigkeit des Geistes, von Göttern, Gottkönigen und heiligen Bergen.

Ich weiß, dass Harrer nicht erst seit 1938 bei der SS war, und bereits in seiner Grazer Studentenzeit ein glühender Nazi war. Er selbst bezeichnete seine Ansichten im reiferen Alter als „barbarischen Irrtum“. Ob er tatsächlich 1938 am Gipfel des Eiger die Hakenkreuz-Wimpel hisste, oder ob sie nur deshalb im Rucksack blieb, weil Kälte und Höhensturm das Bergsteiger-Quartett zum raschen Abstieg zwangen, das wird wohl ungewiss bleiben.

Auch weiß ich nicht mit Sicherheit, ob ich je meine Reiselust, meine Liebe zum Himalaya und seinen Bewohnern und mein tiefes Interesse am Buddhismus entdeckt hätte, wäre der Forscher und Reiseschriftsteller an jenem Nachmittag in den Achtzigern nicht in den Kartonstapel in unserer Tiefgarage gekracht.

Was sicher ist: Harrer machte mit seinem Buch den Blick in das geheimnisvolle, mystische, der Welt entrückte Tibet frei. Sein Bericht öffnete die Herzen der Menschen dem Schicksal des Tibetischen Volkes, und half dem Dalai Lama zu einem der wichtigsten und beliebtesten Botschafter des Friedens zu werden. Und mit großer Wahrscheinlichkeit hat die Erfahrung des Reisens, der Open Road Harrers Weltsicht erweitert, und von Engstirnigkeit und Ehrgeiz befreit – ähnlich wie es seinem Reisegefährten Peter Aufschnaiter oder Herbert Tichy ergangen sein dürfte.

Das ist es auch, was ich zuerst bei Harrer, später dann bei Diemberger, Dalrymple und Durrell, bei Palin, Newby und Chatwin, bei Thubron, Thesiger und Theroux, bei Messner, Matthiessen, Morris und Maillart, bei Iyer und Dyer, Terzani und Timmerberg fand: das Gefühl des zu Hause seins in der Weltweite.

 

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