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::: WAXOLUTIONISTS :::

COOL, NERDIG, LEIWAND

Die Waxolutionists sind ein dreiköpfiges Hip-Hop-Kollektiv, das aus erdig-analogen Zeiten stammt und Beats auf Weltniveau produziert. Dass sich das Waxos-Phänomen nirgendwo anders ereignen könnte als in Wien, weiß auch André Heller zu schätzen. 

✺ DJ Zuzee (Andreas Zuza) *04.06.75. DJ-Urgestein mit der Präsenz und unbeirrbaren Menschenkenntnis eines Peter Ustinov. Langjähriger Mixtape-König von Wien.

✺ The Bionic Kid (Felix Bergleiter) *05.04.77. Hochbegabt, hochgewachsen und hauchdünn, wirkt der gebürtige Vorarlberger wie ein freundlicher Android.

✺ DJ Buzz (Christoph Böck) *27.08.76. Soundtechniker und Elektronik-Bastler. Optisch ein ewiger Lowrider, der in Grand Theft Auto eine gute Figur abgeben würde.

 

 

„Seavaaas!“ DJ Zuzee reißt sich endlich von der Youtube-Botschaft der Vamummtn los und reicht mir die Schaufel seiner Hand. Jetzt sind alle drei Waxolutionists anwesend, auch geistig. Wir gehen runter ins Buzzment-Studio, das nach zwei Jahren Bauzeit alle Stücke spielt, die man sich als Musiker nur wünschen kann, und machen es uns in schwarzen Ledersofas bequem. Draußen sinken fette Dezember-Schneeflocken auf die Wohnsilos von Liesing nieder.

Wie stellen wir uns euren Erstkontakt mit Hip-Hop vor?
Bionic Kid: Beastie Boys und Skate-Videos, Anfang der Neunziger.
Buzz: Ich hab’ schon vorher Hip-Hop gehört.
Zuzee: Weiß gar nicht genau … aber sicher keine Skate-Videos (lacht)! Bei mir war’s in Thailand, der Erstkontakt, so richtig…
Buzz: Mit einer thailändischen Hip-Hopperin, oder?
Zuzee: Na geh! Die ersten Kassetten hab’ ich mir dort gekauft! Weil ich keinen Tau gehabt hab’, was das war. L.L. Cool J, Prince, Public Enemy und so. Das war Ende der Achtzigerjahre.
(Stilles Nachsinnen in inneren Archiven)
Buzz: Hmm, unterbewusst haben wir, glaube ich, alle schon viel früher mit Hip-Hop zu tun gehabt. Mit acht Jahren hab’ ich zum Beispiel von meinem Onkel eine Breakdance-Platte geschenkt bekommen, weil ich damals breaken lernen wollte. Der Onkel war Musiker und hat den Falco gekannt. Breakmix hat die Platte geheißen.

Waxolutionists ::: Well Come

Welchen Einfluss hatte Radiojournalist, Labelbetreiber und Nachwuchsförderer Werner Geier auf euch?
Zuzee: Auf mich einen großen. Er und der DJ DSL waren die ersten, die mich zum Auflegen animiert haben.
Buzz: Und dann natürlich die Musicbox und seine Fm4-Spezialsendungen. Da ist damals niemand drum rumgekommen, wenn du im Radio Zugriff auf diese Musik haben wolltest, plus die neuesten Informationen dazu.
Bionic Kid: So um’91, ’92 rum hab’ ich die Sendung gehört, rein durch Zufall, weil grad’ einfach Radio gehorcht … Und dann auf einmal so die ärgste Stimmung, die ärgste Mucke, und du denkst dir, Oida, was ist denn das?! Irgendwelchen coolen Hip-Hop, sauber gemixt, und du hast keine Ahnung, wie das geht. Das war halt schon lässig.

Werner Geier (1962 – 2007), unverwechselbare Stimme aus dem Äther und Inspiration für viele österreichische Musiker.

Ich hab’ Werner in der Meierei (im Stadtpark, seit 2003 leider nur mehr legendäre Party-Location) kennengelernt, wo er seinen monatlichen Circulation-Abend gehabt hat. Er war einer der ersten Gastgeber, bei denen ich einfach mal wirklich gut hab’ auflegen können. Es war schön, jemanden zu haben, zu dem man aufblicken konnte. Er war Wiens Untergrund.
Buzz: Er hat sich auch nur mit dem beschäftigt, was ihn interessiert hat. Deswegen gab’s bei ihm immer eine Garantie. Im Grunde machen wir’s in unserer Musikrichtung genauso und Qualität siegt halt immer und die Leute kommen mit der Zeit drauf. Irgendwann kommt alles zurück.

The Moreaus (Funk-Formation mit Peter Kruder, Rodney Hunter, Sugar B und DJ DSL) und die daraus entstandenen Labels G-Stone und Uptight waren die Wiege des Wiener Grooves. Welche Schnittpunkte gibt es da noch zu Euch?
Zuzee: Den Leuten, die da dabei waren bei den Moreaus, ist man ja immer wieder über den Weg gelaufen in Wien. Die hat man auch auf Flyern gelesen. Jeder von ihnen war und ist eine Ikone und hat sich mit der Zeit in seine Richtung entwickelt. Das war für mich schon damals stark absehbar.
Buzz: Wobei, musikalisch hat uns das gar nicht so sehr geprägt weil wir uns immer sehr auf die Turntables (Plattenspieler) fixiert haben. Wenn man sich unser erstes Album (The Smart Blip Experience, 2000) anhört, das ist eine ganz andere Geschichte gewesen. Das war das Ergebnis zweier Jahre, in denen wir zusammen gecuttet (Platten ineinander geschnitten; Anm.) und den ganzen Spaß mit einem Vierspurrecorder mitgeschnitten haben. Das war technisch eine Herangehensweise, wie es sie wahrscheinlich nie mehr wieder geben wird.

DJ Buzz ist auch Studio-Betreiber.

Wie kam das Album produktionsgeschichtlich zustande?
Buzz: Na ja … keiner hat von irgendwas eine Ahnung und ab geht’s! (Lachen)
Bionic Kid: Jeder von uns hat extrem viel aufgelegt, ganz oft auch gratis, und irgendwann haben wir beschlossen, unter dem Namen Waxolutionists zusammen ein Mixtape zu machen. Da war dann gleich mal der Name drauf falsch geschrieben, mit drei Rechtschreibfehlern. Ich hab’ da zum ersten Mal einen Vierspurrecorder in der Hand gehabt und bin enorm drauf reingekippt. Dann haben wir den Teuchtler (Schallplattenhandlung und Antiquariat; Anm.) entdeckt – das hat auch noch mal einiges an alten Platten gebracht. Im Grunde haben wir einfach herumgemördert.

Wann genau wurden die Waxolutionists gegründet?
(Wildes Durcheinanderplaudern)
Zuzee: 1997. Das steht eh in jedem Geschichtsbuch (lacht).
Bionic Kid: Gekannt haben wir uns eh schon alle …
Zuzee: … in Salzburg war’s bei der Skate Reunion. Von da an waren wir lange Zeit die erste und einzige Turntable-Crew in Österreich. Das war szeneintern natürlich ganz was Arges.
Bionic Kid: Vor allem weil wir die Einzigen waren, neben den erwähnten altgedienten Herren wie DSL und Cut-ex, die sich an den Plattenspielern wirklich etwas angetan haben: Cutten, Scratchen (schnelles Hin-und-her-Bewegen der Platte am Teller; Anm.), Phasen (zwei Platten rhythmisch leicht versetzt miteinander mixen; Anm.).

Waxolutionists ::: Jigbase

Wie ich den Zuzee kennengelernt hab’, hat der mit zwei Plattenspielern Sachen gemacht, Dopplungen und so, die ich davor noch nie gesehen hab’. Ich hab’ mir nur gedacht: „Bist du deppert!“

Der Zuzee hört was G’scheits!

Wie hoch ist euer Anspruch an das technische Können eines DJs, an seine „Skills“?
Zuzee (erregt): Na ja, Skills, Skills, Skills! Der Begriff sollte meiner Meinung nach nie und nimmer nur mit Hip-Hop in Verbindung gebracht werden. Generell: Was viele der geehrten Herren Kollegen heute auflegetechnisch so bringen, ist eine Frechheit, egal in welcher Musikrichtung! Die meisten können nicht einmal die Basics, das ist ja eigentlich schon, wo man nachsetzen sollte. Das ist mit jedem anderen Beruf auch vergleichbar. Es gibt ja auch Köche, die haben ein paar Gerichte ganz gut drauf, und dann gibt es Haubenköche. Damals zum Beispiel den DJ Buk, der legt ja heut auch noch auf. Bunt gemischter Stil, rough teilweise und sehr undergroundig.
Buzz: Ich hab mich eine Zeitlang auf Underground-Hip-Hop spezialisiert, bin oft nach New York geflogen, um mir Platten zu checken, die keiner hat, und hab’ auch viel Internet-Recherche betrieben, um zu schauen, welcher Artist von welcher Klassiker-Platte dies und jenes gesampelt hat.

Beats-Hörspiel de Luxe: Das Vinyl-Doppelalbum Plastic People (2002) der Waxolutionists.
©automatique

Bionic Kid: Ich kann mich noch gut erinnern, als der Emodee (Chris Moderbacher, Waxos-Intimus und Mental Crates DJ; Anm.) ’97 oder ’98 mit einer Jigmasters-Nummer auf einem Mixtape aufgetaucht ist. Da haben wir aber alles niedergelegt! Und keine Sau kannte das damals. Der Zuzee hat dann gemeint, er kennt wiederum wen, der den Stuff auf Whitelabel-Platten (inoffizielle Pressungen) hat. Das war geschätzte zwei Jahre bevor es Jigmasters-LPs in den Läden gab und das quasi Allgemeingut geworden war.
Buzz: Das war unsere Motivation, dieser Wettkampf. Wir sind auch dauernd um die Häuser gezogen, aber konnten uns gegenseitig am nächsten Tag immer motivieren, um etwas weiter zu kriegen. Irgendwann musste es einfach eine Platte von uns geben. Es hat ja auch nichts Schöneres gegeben als auf darauf zu warten, dass unsere erste Platte aus dem Presswerk kommt. So nervös waren wir überhaupt noch nie.
Bionic Kid: Was wahrscheinlich auch nicht unwesentlich ist: Wir gehören noch zur letzten
Generation von Producern, die ihr Handwerk zwangsläufig komplett analog angegangen sind: ohne Handy, Internet, Plug-Ins und Sound Libraries. Analoge, erdige Zeiten: da hat man mit dem was man gehabt hat, das Maximum gemacht.

Waxolutionists ::: Freifach Musik

Manchmal wünsche ich mir, wir hätten noch 2, 3 Jahre unter diesen beschränkten Voraussetzungen gearbeitet weil es unsere Kreativität so gefordert hat. Natürlich könnte man das jetzt faken und so tun als gäbe es kein Handy und kein Internet, aber was soll’s… diese bestimmte Art des Musikmachens können die Kids von heute nicht mehr nachvollziehen. Wie auch!

Finde die Waxos: Partystimmung in einer Wiener Location um die Jahrtausendwende.

Wie habt ihr euch das Scratchen beigebracht?
Buzz: Ich kann mich noch erinnern. Auf einem Video haben der Zuzee und ich einen Scratch gehört, aber nicht genau gesehen wie’s funktioniert, also sind wir nach Deutschland gefahren in der Hoffnung, dass auf einem Contest jemand einen Scratch aufmacht. Auf der Zugfahrt nach Hause haben wir dann die ganze Zeit überlegt wie das gehen könnte. Daheim in Wien sind wir zwei Stunden lang am Telefon gehangen, so „Wart einmal kurz, hör’ mal: jetzt!“ und haben uns gegenseitig die Cuts am Festnetz vorgespielt. „Woah, das hat sich jetzt genauso angehört! Wie hast du das gemacht?!“ So haben wir Scratching und Technik gelernt und heutzutage kaufen sich die Kids eine DVD vom QBert (bekannter US-Scratch-Künstler)! Es war damals verdammt mühsam, an die Informationsquellen zu gelangen. Andererseits: Wenn man, wie heute, auf alles zugreifen kann, verliert man auch leicht den Faden.
Zuzee: Vor allem ist es heute auch ernster geworden.
Buzz: Als ich noch bei den Eltern gewohnt habe, war mein Auftrag: aufwachen und mich in Boxershorts neun Stunden vor die Plattenspieler stellen. Das war das einzige an das ich denken hab’ müssen.

Felix, a.k.a. The Bionic Kid.
©R. Grand

Bionic Kid (trotzig): Ja, oder man hat einfach alles andere verdrängt. Oder vor lauter Platten kaufen, komplett aufs Essen vergessen und schnell einen Grieskoch machen – wie ein Süchtiger halt.
Zuzee: Wir haben uns ja Jahre lang gegenseitig durchgefüttert. Einmal waren die Burschen bei mir, dann waren wir alle wieder beim Felix, Nudeln mit Salz und Butter essen.
Bionic Kid: Aber Hauptsache, er hat die neuen Platten mitgehabt!

Waxolutionists ::: Supercity

Und wer von Euch brachte die Idee zum Remix für André Heller mit?
Buzz: Wir waren damals beim gleichen Label, Universal. Der A&R sagte uns, ob wir an dem Projekt interessiert wären, die Nummer Die wahren Abenteuer sind im Kopf wäre noch zum Remix frei, ein Stück, das ich seit meiner Kindheit kenne. Wir haben natürlich gleich zugesagt, aber wussten dann ewig nicht wie wir anfangen sollten.
Bionic Kid: Der Plan war, die Harmonien des Originals zu übernehmen und ihn noch mal über unsere Downtempo-Beats drübersingen zu lassen. Dazu hätten wir zu ihm nach Hause fahren müssen, entweder in Wien oder zum Gardasee, jedenfalls hat sich das sehr kompliziert gestaltet.
Buzz: Die Lösung war dann improvisiert: Wir haben ein Sprachwiedergabe-Programm den Text sprechen lassen. Im Nachhinein sind wir drauf gekommen dass die Idee einer der größten Fehler war, weil wir drei Wochen lang an dem Text herumschnippseln mussten. Viele Wörter konnte der Computer gar nicht aussprechen! „Hasardeur“ etwa mussten wir aus einzelne Millisekunden der Wörter „Hase“, „Eule“ usw. zusammensetzen. Die nächste Herausforderung war, die monotone Computerstimme so zum Grooven zu bringen, bis wir alle damit zufrieden waren. Die Universal-Leute waren natürlich entsetzt, wie man einen Text vom großen André Heller so verhunzen kann und wollten ihm den Remix gar nicht vorspielen. Ihm selbst hat’s dann aber voll getaugt weil er es einfach künstlerisch gesehen hat, dass man so einen persönlichen Text von so einer unpersönlichen Maschine sprechen lässt.
Bionic Kid: Am Schluß war es cool, nerdig und leiwand und passte zu uns.“

 

 

 

(erschienen in The Red Bulletin, 2007)

waxos.com

 

 

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