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Blog

::: Mission Statement :::

In diesem Blog bespreche ich (meistens) auf Deutsch Bücher, die mich begeistern und bewegen – deutschsprachige Werke, gelungene Übersetzungen und auch englische Originalfassungen.

In Zeiten, in denen wir im deutschen Sprachraum Filme und Serien in Originalfassung sehen und Englisch weltweit die lingua franca ist, sollte zumindest diese Hürde nicht mehr so hoch sein. Die Herausforderung ist eher, dass wir heute nicht mehr in der Lage sind, mehrere längere Sätze hintereinander zu lesen, egal in welcher Sprache und in welchem Medium. Andere gefälligere Reiz-Aussender als das geschriebene Wort nehmen uns in Anspruch. Der nächste Tab, die nächste App, das nächste blinkende Spielzeug in unseren rastlosen Primatenpfötchen lockt bereits.

Dennoch geht es hier um Bücher. Bücher mit kurzen und langen Sätzen, Nebensätzen und Fremdwörtern; vornehmlich Reisebücher (wobei sie auch innere Reisen zum Thema haben können), literarische, essayistische und kulturjournalistische Bücher. Und auch über Ereignisse, die mit Literatur und Reisen nur im weiteren Sinn zu tun haben, ist hier zu lesen.

Viel Vergnügen!

 

 

 

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Patrick Leigh Fermor ::: Die Violinen von Saint-Jacques

Der kleine Verlag Dörlemann in Zürich hat einen vergessenen Schatz gehoben. Er hat Patrick Leigh Fermors einzigen Roman oder besser gesagt, seine einzige Novelle, Die Violinen von Saint-Jacques von 1953, auf Deutsch herausgebracht. Die Übersetzung von Manfred Allié ist eine Vitrine sprachlicher Schaustücke und ein üppiger, exotischer Wortgarten. Wen das soziale Panorama des 18. Jahrhunderts in Patrick Süskinds Das Parfum gefesselt hat, wer Listen und Aufzählungen liebt, und wer vor einem kunstvollen Memento Mori nicht zurückschreckt, für den oder die ist Die Violinen von Saint-Jacques ein Buch für das innere Sanktum der Bibliothek.

Seltsam, dass es mit seiner Bildkraft und dem spannenden Aufbau das einzige fiktive Werk seines Autors blieb: Patrick „Paddy“ Leigh Fermor (1915–2011) gilt immerhin als einer der bedeutendsten englischsprachigen Reiseschriftsteller der alten Schule.

Sonnenanbeter: Patrick Leigh Fermor im griechischen Dörfchen Phlomochori.
                                                                                                       ©Joan Leigh Fermor

 

Fermors erstes Buch The Traveller’s Tree (1950) war (wie Die Violinen) in der Karibik entstanden, doch berühmt wurde dieser „ideale Engländer“ („ …auf sanfte Art gutaussehend, stark aber nicht büffelhaft, voller Schabernack, Poesie und klassischer Bildung; mit einem Haus, einer Frau, einer Katze und einer Berufung.“ – Jan Morris in ihrem Nachruf auf Fermor) durch einen etwas ausgedehnten Spaziergang: Mit 16 wurde er von seiner Schule, der King’s School in Canterbury, verwiesen, weil er händehaltend mit der Tochter eines Gemüsehändlers gesehen worden war. Bereits davor galt der Freigeist in der rigiden englischen Klassengesellschaft als schwer erziehbar. Zwei Jahre später ging Paddy Fermor zu Fuß vom Hook of Holland los, einen Band Homer und etwas Reisegeld im Rucksack und wanderte durch das winterliche Deutschland, durch das vom Bürgerkrieg zerfressene Österreich, immer weiter der Donau entlang, die Karpaten überquerend bis nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Der erste Band seines Berichtes über diese mehrjährige Unternehmung, A Time of Gifts, erst 1977 erschienen, ist ein Meilenstein der Reiseliteratur.

Diese potente Mischung aus Graham Greene und Indiana Jones wurde 1943 Offizier des OBE und als Kriegsheld berühmt, nachdem er den Nazi-General Kreipe auf Kreta in den Hinterhalt gelockt hatte und sich erstaunlich gut mit ihm, zum heimlichen Vergnügen beider, auf Latein unterhalten konnte. In den 1960er Jahren ließ sich Fermor mit seiner Frau Joan auf der Mani am Peloponnes nieder, wo er (oft an der Seite seines Landsmannes Lawrence Durrell) dem Sonnenuntergang seines reichen Lebens einen Toast ausbrachte.

Die Violinen von Saint-Jacques ist eine Erzählung in einer Erzählung: Ein junger Engländer, womöglich Fermor selbst, begegnet auf einer Insel in der Ägäis der betagten Überlebenden eines Vulkanausbruchs in der Karibik. Berthe, so der Name der alten Dame, ist eine kunstsinnige, malende Französin. Fasziniert lauscht der Gast dem Bericht über ihr abenteuerliches Leben und hört von der Katastrophe, die es vor allen anderen Ereignissen prägte.

Während sie erzählt, taucht eine elegante und prunkvolle Welt in all ihren Farben, Gerüchen und Lichtstimmungen wieder auf – die Welt der westindischen Kolonien, wo Berthe im Jahr 1902 als Gouvernante beim Gouverneur der kleinen Antillen-Insel Saint-Jacques ihren Taglohn bestreitet.

Berthe erzählt von den kleinen Streitigkeiten zwischen den oberflächlichen Aristokraten und von großen Affären in deren Zirkeln, von der separaten Welt der schwarzen Sklaven und eingeborenen Kreolen und von einem Maskenball, den der Graf für seine Töchter gibt. Dessen Vorbereitungen werden minutiös erwähnt: „Der Rest des Raumes war ein Dschungel von Globen, Astrolabien, Teleskopen, Alben, alten Landkarten, Notenblättern und historischen Instrumenten aller Arten. Das Cembalo, beteuerte Monsieur de Serindan, habe einmal Lully gehört, und um diesen Schatz waren ein Rebec, ein Krummhorn, eine Theorbe und ein Trumscheit aufgestellt. Es gab Gefäße mit in Alkohol eingelegten Schlangen und einen Glaskasten mit riesigen blau-grünen Schmetterlingen aus Cayenne (…); außerdem einen Billardtisch. Viele dieser Besitztümer waren für das Fest beiseite gestellt worden, um Platz für die Besucher zu schaffen. Aber der Schutzgeist des Zimmers, ein mächtiger, prachtvoller Ara aus Nicaragua, der auf den Namen Triboulet hörte, saß auch weiterhin auf seiner gewohnten Stange und brachte das Stimmengewirr von Zeit zu Zeit mit einem Schrei zum Verstummen, dem unweigerlich ein Schnalzen und dann der Ruf Montjoy–Saint-Denis! folgte, oder alternativ die einzigen englischen Worte, die der Graf je gelernt hatte: Have a dwink!

Interessant dabei ist, dass das Narrativ stets zwischen den Beobachtungen Berthes und einem allwissenden, kühl-distanzierten Erzähler wechselt, der die Hitzigkeit des Festes und die Hitze der heraufdräuenden Naturkatastrophe beschreibt. Denn mitten im rauschenden Rococo-Reigen des Karnevals lecken, unbeachtet von den Feiernden, erste Feuerzungen von dem über der Insel thronenden Vulkan Salpetrière herab.

Während sich verkleidete Aristokratenbuben mit Duell-Androhungen ihr Mütchen kühlen, sammeln sich tief im Erdinneren unter dem Meer magmatische Kräfte, die zu namenlosem Grauen und spurloser Vernichtung führen werden. Nach dem Motto Et In Arcadia Ego lächelt bereits ein gewaltiger Tod über dem bunten Ameisentreiben der Mardi-Gras-Partie. Das Raffinement von Fermors wechselnden Erzählebenen möchte den Leser Warnrufe ausstoßen lassen, ob der Ignoranz der Einwohner von Saint-Jacques, als es still und heimlich mitten in der karibischen Sommernacht zu schneien beginnt: nämlich weiße Ascheflocken aus dem Vulkan, der eben zu todbringendem Leben erwacht ist.

Inspiriert wurde Patrick Leigh Fermor vom historischen Ausbruch des Vulkans Mount Pelée auf der Insel Martinique am 8. Mai 1902, der die gesammte Kleinstadt St. Pierre innerhalb von Minuten auslöschte. Eine schwarze, pyroklastische Wolke, mehr als 1000 °C heiß, jagte mit fast 700 km/h über den Hafen hinweg, vernichtete alle Schiffe und tilgte etwa 35000 Menschenleben im Umkreis von 80 Quadratkilometern. Dann begann der explodierende Berg sein höllisches Feuerwerk.

Der Ausbruch selbst ist so erschreckend eindringlich erzählt, dass man ihm eine überirdische, sublime Schönheit zugestehen muss. Die am Nachthimmel über Saint-Jacques von innen erleuchteten Gaswolken sind so faszinierend beschrieben, dass man kaum umhin kommt, diese Weltuntergangsszenen zweimal zu lesen.

Patrick Leigh Fermor ::: Die Violinen von Saint-Jacques; Dörlemann 2004, 197 S.; 14,99€

Berthe gelingt, als einer der wenigen, die Flucht in einem Schiff aufs offene Meer vor der sich langsam in zwei Teile spaltenden Insel. Aus deren Mitte erhellt ein senkrechter Lava-Strahl die Umgebung: „Sekunde um Sekunde stieg der Strahl höher, bis er seinen gigantischen Höhepunkt meilenweit in der Atmosphäre erreichte, und das Grollen, das diesen Aufstieg begleitete, war durchbrochen von ohrenbetäubendem heiserem Donner. Ein sengender Lufthauch, als hätte sich eine Backofentür geöffnet, fuhr über die auf dem Schoner Versammelten hinweg, und die See, Spiegelbild der Flammen am Himmel, leuchtete auf wie eine spiegelglatte Wüste. Die Nachbarinseln, Marie-Galante, die Inseln der Heiligen, Guadeloupe und Dominica, schienen, so plötzlich alle miteinander aus dem Dunkel aufgetaucht, zum Greifen nah. Brennende Bruchstücke aus dem Mittelpunkt der Erde flogen durch die Luft, Geschosse wie gezackte Feuerklumpen, lösten sich im Fluge auf, flüssig wie Siegelwachs, fielen in einem Regen von feurigen Tropfen ins Wasser, aus dessen Spiegelfläche noch im selben Augenblick ein Wald von zischenden Fontänen und Gischtwolken aufwuchs.“

Zahn der Zeit: Der etwa 300 m hohe Obelisk aus erstarrter Lava am Krater des Mount Pelée auf Martinique.

Das kurze, aber eindringliche Werk, eine funkelnde Gemme von einem Buch, entlässt den erschütterten Leser mit dem Bild der Violinen des Ball-Orchesters, deren Klänge jedes Jahr zur Zeit des Karnevals dort aus den grünen Tiefen der Karibik steigen, wo einst das dekadente Eiland Saint-Jacques lag.

 

20.05.2017

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John le Carré ::: Der Taubentunnel

Mir hat es gerade Der Taubentunnel angetan, auf englisch The Pigeon Tunnel, die Autobiografie von John le Carré (bürgerlich David Cornwell), ein höchst amüsanter Blick hinter den Vorhang weltpolitischer Machtspiele. Über das Buch habe ich im deutschsprachigenen Feuilleton noch erstaunlich wenig gelesen – zumal es doch sein bestes Buch seit A Most Wanted Man (2008) ist.

David Cornwells Landhaus an der Steilküste nahe St. Buryan bei Land’s End in Cornwall. Hier entstanden die meisten seiner geistreichen Bestseller. ©Nadav Kander

 

Kaum hat Cornwell widerwillig seine 700-Seiten-Biografie von Adam Sisman abgesegnet (erschienen 2015), setzte sich der Meister ans Kaminfeuer und brachte die einprägsamsten und skurrilsten Anekdoten aus seinem reichen Leben im diplomatischen Dienst und auf der Bühne der Weltliteratur noch einmal selbst zu Papier. Das Ergebnis deckt fast alle Kontinente ab, und offenbart in erster Linie Haltung: die eines unabhängigen, aufrichtigen Beobachters der politischen Welt.

Wie vehement sich der notorisch zurückgezogene Schriftsteller gegen die geistige und die tatsächliche Verminung der Welt durch einen hochexplosiven Raubtier-Kapitalismus wendet, diese für Leser von le-Carré-Thrillern wie Der Spion, der aus der Kälte kam, Das Russlandhaus, Der ewige Gärtner oder Der Nachtmanager nicht unerwartete Seite zeigte er etwa in der Sendung Democracy Now!: Dort verlas er seinen politischen Essay mit dem Titel The US Has Gone Mad. Ebendiese leidenschaftliche wie bodenständige Integrität tritt in Der Taubentunnel als durchgängiger Erzählton zu Tage.

Den Titel seiner Autobiografie bezieht Cornwell, der gegen Ende der 1950er Jahre im Nachrichtendienst Ihrer Majestät tätig war, von einer Schießanlage in Monte Carlo – einer der illustren Orte die er in seiner Kindheit mit seinem hochstaplerischen und kleinkriminellen Vater Ronnie besuchte. Dort konnten Sportschützen Tauben schießen, die vom Dach eines Hotels aus durch eine Rohrleitung gescheucht wurden. Wurden Vögel verfehlt, kehrten diese umgehend, und ganz von sich aus, wieder in ihren Kobel zurück, um erneut zu moving targets zu werden.

Buchbesprechung und Auszüge im Guardian.

Kurzauftritte in Cornwells Memoiren haben ein theatralischer und trinkfester Richard Burton; ein nicht weniger theatralischer Yassir Arafat mit weichem, nach Babypuder duftendem Stoppelbart; eine sich wehleidig in Gefühllosigkeit flüchtende Margaret Thatcher und der überbescheidene und liebenswürdige Alec Guinness, der in der BBC-Serie Tinker, Taylor, Soldier, Spy le Carrés bekannteste Figur George Smiley verkörperte. Auch der spinnenhaft die Fäden hinter den Weltgeschicken ziehende Rupert Murdoch lädt den Bestseller-Autor zum Lunch. Dieser revanchiert sich dafür mit der neutralen Charakterstudie eines misanthropischen James-Bond-Bösewichts.

Nun liegt auch ein Hörbuch auf elf CDs vor, vom Autor und Raconteur mit markantem ’s’ und Joachim-Fuchsberger-Bariton eingelesen; übrigens auch in der deutschen Fassung, schließlich ist Cornwell Liebhaber klassischer deutscher Literatur und lebte jahrelang in Bonn, Wien, Zell am See und der Schweiz.

21.02.2017

 

John Le Carré ::: The Pigeon Tunnel (Originalausgabe)                      (2016; Viking; 365 S.; 24,79€)

 

 

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Bob Dylan ::: Chronicles Vol. 1

(oder weshalb der Literaturnobelpreis für Bob Dylan auf jeden Fall klargeht)

Bob Dylan ist einer der größten amerikanischen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Lyrik ist klingende Sprache. Dylan ist ein Mann durch den die Muse spricht. Dylan ist Barde, Troubadour, Intellektueller, Dichter und auch Dieb. Also kurz gesagt ein Sprachkünstler, dessen geschriebenes Wort durch das gesungene bekannt wurde. Der Nobelpreisträger für Literatur 2016 ist einer Tradition verpflichtet, die sich über Allen Ginsberg, Dylan Thomas und Herman Melville zurückverfolgen lässt bis zu William Shakespeare, Cecco Angiolieri, Dante, Vergil und Homer (ein Volkssänger!). Wer seine Auszeichnung mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nimmt, dem (oder der) sei nicht vorgeworfen – zumindest nicht von mir –, dass es an Kenntnis von Dichtung mangelt, aber dass ein großer Nachholbedarf an Dylans Werk besteht.

Wer Dylans Chronicles aufschlägt, wird unwiderstehlich in eine unwiederbringlich vergangene Welt gesogen. Eine Welt der Boxer, der verlassenen Gaslicht-Alleen, der Honky-Tonk-Klaviere, der kalten New Yorker Winter. Es ist eine John-Steinbeck-Welt, gesehen mit den Augen eines Holden Caulfield. Doch der Erzählton, die Kadenzen sind eine andere. Weniger zaghaft, mehr auf den Punkt, genauso ehrlich wie Salingers Held, aber die Stimme ist schärfer, unberechenbarer, die von Dylan eben – wie ein Dolch unterm Mantelaufschlag. Dylans Seele ist gefährlich, oder gefährdet, durch seine Entscheidung zum Leben am Limit, durch seine Lebensgeschwindigkeit („Ich sprach schnell, dachte schnell, ging schnell und ich sang meine Songs schnell.“), durch seinen Willen, sich als Singer/Songwriter einen Namen und seinem Vorbild Woodie Guthrie alle Ehre zu machen.

Chronicles Vol. 1 ist auch ein Buch über Bücher. Dylan zieht sich im Kapitel The Lost Land lange Zeit auf das Sofa in der Bibliothek seines Wohnungsbesitzers Ray zurück und verschwindet in den Werken Robert Graves, Faulkners, Clausewitz’, Gogols, Maupassants, Hugos, Dickens’ und Balzacs („Ich mochte seine Beobachtung, dass blanker Materialismus ein sicheres Rezept für den Wahnsinn ist.“), gräbt sich durch die Gedichtbände von Byron, Shelley, Longfellow und Poe; er spiegelt seine Erfahrungen als Frischling in der großen, kalten Stadt Manhattan über Literatur.

Und über Musik: Der junge Bob studiert die gesamte Fülle des Great American Songbook, von Hank Williams bis Roy Orbison, von Buddy Holly bis Sinatra und von Leadbelly bis Harry Belafonte („Harry strahlte diese Größe aus, von der du hoffst, dass sie auf dich abfärbt.“).
Diese Lehr- und Wanderjahre in New York zeigen bereits voraus, auf den enigmatischen, kristallin-vergeistigten Radio Host mit dem enzyklopädischen Wissen, der Dylan nun geworden ist. Chronicles in seiner Gesamtheit ist ein Vexierspiegel der persönlichen Entwicklung, ein Reigen von Momenten aus vier Jahrzehnten in Dylans Karriere. Bob Dylan offenbart hier seine Seele, eine feine Seele: durchlässig, hungrig und verletzlich. Seine Autobiografie ist ein dermaßen dichtes, in seinem Slang und seinem Rhythmus euphonisches, kunstvoll mit Querverweisen angereichertes und dabei so persönliches und liebenswertes Buch, dass Dylan alleine dafür den Literaturnobelpreis erhalten hätte sollen.

 

Bob Dylan ::: Chronicles Vol. 1 (englische Originalausgabe)
Simon & Schuster, 2005; 303 S., €25,83

 

Wer einfach Dylans Stimme oder seine oft zweifelhafte Gefolgschaft nicht mag oder die Bürgerrechtsbewegung und Jugendrevolte der 1960er nicht verstehen will, disqualifiziert sich in der Debatte klarerweise von selbst, genauso wie jene, die Dylan als „Popmusiker“ wie Madonna, Lady Gaga oder Prince missverstehen – und deren gibt es besonders im deutschsprachigen Feuilleton viele. Längst sollte Klarheit darüber bestehen, dass Popkultur literarisch ernsthafte Lyriker wie Leonard Cohen, Joni Mitchell, Chuck Berry (!), Paul Simon, John Lennon, Mick Jagger, Marianne Faithfull, Patti Smith, Sting, Morrissey, Nas, André 3000 oder PJ Harvey hervorgebracht hat.

Elektrifizierter Chronist wilder Zeiten: Robert Zimmerman a.k.a. Bob Dylan, Mitte der Sechziger.

 

Kritiker der Entscheidung möchten auch Dylans Spracharbeit mit anderen bisherigen Literaturnobelpreisträgern abwägen. Da wogt – ganz abgesehen vom Inhalt – der Anspruch an das sprachliche Niveau der Preisträger auf und ab wie die stürmische Nordsee (William Butler Yeats und Pearl S. Buck, Ernest Hemingway und Bertrand Russell, Pablo Neruda und Elfriede Jelinek, Winston Churchill (?) und Naguib Mahfuz, …).

Hier sind mal meine sieben Gründe, warum die Vergabe dieses hohen Literaturpreises absolut gerechtfertigt ist:

  1. Alleine die Texte von Visions of Johanna und Tangled Up In Blue
  2. Seine gesammelten Songtexte als Buch
  3. Dylans Memoiren (Chronicles)
  4. Der Gedichtband Tarantula
  5. Seine Lecture über Literatur und Songtradition
  6. Die Befreiung des Geistes von Konventionen und Konformität
  7. Tausende akademische Arbeiten, die sich mit ihm beschäftigen

 

Nachgereicht sei auch ein Zitat von einem, der wohl sämtliche Sagen und Liederzyklen der Menschheit auswendig kennt – der österreichische Erzähler Michael Köhlmeier (in einem Interview mit Karl Fluch vom Standard, als Dylan erst im Gespräch für den Nobelpreis war): „Das Komitee hat bisher die Chance vertan, die Popkultur als originäre Literatur des 20. Jahrhunderts wahrzunehmen. Diese Songkultur ist ja eine ganz eigene Gattung. Wenn sie einmal draufkommen, das nachzuholen, ist Bob Dylan der, der als Anwärter an erster Stelle steht. Wenn er’s nicht kriegt, ist es auch kein Schaden. Aber dass über ihn diese ganze Gattung geehrt würde, da dürfte sich das Komitee nicht zu vornehm dafür sein.“

Und der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie bei seiner Laudatio zur Verleihung des Awards für Song Lyrics of Literary Excellence des PEN New England und der John F. Kennedy Presidential Library an Chuck Berry and Leonard Cohen, im Jahr 2012: „Es ist schon lange mein Ansinnen, PEN davon zu überzeugen, dass Literatur mit der Zeit geht und dass die Literatur sich nicht nur auf Poeten, Romanciers und Essayisten beschränkt. Neue Formen wachsen heran, Kunst wird auf neue Art und Weise hervorgebracht, und viele literarische Kunstwerke meiner Lebenszeit sind in Form von Songtexten entstanden. Es ist allerhöchste Zeit, anzuerkennen dass Liedermacher genauso wie Verfasser von Theaterstücken, Essays und Romanen zur Literatur gehören.“

22.01.2017

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