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::: GEOFF DYER :::

WETTERLEUCHTEN IM KOPF

© Jason Oddy


Wozu reisen wir? Weshalb entsprechen Sehnsuchtsorte selten ihrer Realität? Wo ist die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenwelt? Diesen Fragen geht der englische Autor Geoff Dyer in seinem Buch White Sands höchst unterhaltsam nach.


In seinem jüngsten Buch White Sands (im englischen Original White Sands – Experiences from the Outside World) sucht Geoff Dyer auf zahlreichen Fluchten über den Horizont wie ein Geigerzähler nach der auratischen Ausstrahlung von Sehnsuchtsorten, um diese nach dem Wahrheitsgehalt ihres Versprechens abzuklopfen. Seine Reisen sind Pilgerfahrten zu Orten in der äußeren Welt, die womöglich nur in seiner inneren Welt Signifikanz haben. In steter Neugier untersucht er aber auch weiße Flächen auf seiner inneren Landkarte, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die eigene Seele beschaffen sein mag, in ihrer Erfahrung von Zeit und Raum.

Dyer, 1958 geborener Working-Class-Spross und globetrottender Slacker, schlägt eine wichtige Brücke zwischen Reiseliteratur und blitzgescheiter Kunst- und Naturbetrachtung in der Nachfolge von Annie Dillard sowie seines intellektuellen Lehrmeisters John Berger. Dabei dreht sich in seinen Werken (But Beautiful (dt. „But Beautiful: Ein Buch über Jazz”); Out of Sheer Rage – Wrestling with D.H. Lawrence (dt. „Aus schierer Wut: In D.H. Lawrence’ Schatten“); Paris Trance (dt. „Paris Trance“); Yoga For People Who Can’t Be Bothered To Do It (dt. „Reisen, um nicht anzukommen“); Jeff in Venice, Death in Varanasi (dt. „Sex in Venedig, Tod in Varanasi“); u. a.) eigentlich alles um eines: nämlich um Geoff Dyer – eine sehr englische Kunstfigur aus Hyper-Hipster und posttoxisch-depressivem Tintin. Gleichzeitig ist er aber auch ein Mann der Tat, der (wie jeder Schreibende, der noch einigermaßen bei Vernunft ist) nur zu gern jede Gelegenheit ergreift, seinen Arbeitstisch zu verlassen.

Erwartungsgemäß ist Geoff Dyer immer dann am besten und witzigsten, wenn er seine hohen Ansprüche an ästhetische und natürliche Phänomene schwer enttäuscht sieht und dies mit genussvoll-Bernhardesker Selbstkasteiung und fassungslosem Gram zur Kenntnis nehmen muss. Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist etwa seine Kurzgeschichte On the Quiet Carriage über die Unmöglichkeit der (seinem empfindsamen Seelenleben so zuträglichen) Stille in den Ruheabteilen britischer Züge.

Das wirklichere Ich hinter dem Horizont

Schon in seiner ersten Sammlung von Reisegeschichten Reisen, um nicht anzukommen (Argon Verlag, 2003; im Original Yoga For People Who Can’t Be Bothered To Do It), quasi der Vorgänger von White Sands, tastet sich Geoff Dyer seelisch waidwund, aber äußerst amüsant an kulturmorphologischen Demarkationslinien der antiken und der modernen Welt entlang. Ob die Erzählungen in beiden Büchern geschickt ineinander verzahnte Reportagen, oder fiktive Fragmente eines post-postmodernen Romans sind, lässt sich nicht so einfach ergründen. Und das ist wohl auch ganz im Sinne des Autors. Bereits Reisen, um nicht anzukommen war in kesser Ironie ein Vorwort vorangestellt in dem es heißt: „Alles in diesem Buch ist wirklich geschehen, aber manches davon ist nur in meinem Kopf geschehen.“

 

„Während wir weiterfuhren, schlich sich der Sand dann auf die Straße, und es wurde weißer, und bald war alles weiß, selbst die Straße, und dann war da keine Straße mehr, nur noch dieses helle Weiß. Wir stellten den Wagen ab und gingen hinein, hinein in dieses Weiß. Es war schwer zu glauben, dass ein solcher Ort wirklich existierte.“ Aus: White Sands
© Alamy

 

Geoff Dyers Geschichten von unterwegs führten seine Leser bisher zur sonnengebleichten Ruinenlandschaft Leptis Magna in Libyen, auf einen an Slapstick reichen Pilztrip in Amsterdam, zu einem Elektronik-Clubbing in Detroit, in die Gluthitze eines de-Chirico-haften Roms, in das lauschige Sanctuary von Koh Pha-Ngan und zum Burning Man Festival in die Wüste Nevadas.
White Sands geizt ebenfalls nicht mit faszinierenden Orten (Smithsons Spiral Jetty in Utah, De Marias Lightning Field in New Mexico, Gaugins Tahiti, norwegische Nordlichter, ein Flirt in Peking, ein Besuch in Adornos Villa in L.A.) und sein Autor nicht mit den gewohnten Überblendungen ins Philosophische: Abhandlungen über Jazz, Fotografie und Land Art, um achteinhalb Ecken gedachter Konzeptkunst-Bullshit und Reflexionen über die innere Finsternis zur Mittagshelle des Lebens.

Interview mit Geoff Dyer über die Bedeutung von Orten

War Reisen, um nicht anzukommen noch eines jugendlich-rastlosen Geistes Kind, ist der 15 Jahre ältere Geoff Dyer in White Sands am Strand von Venice Beach angekommen und mit einer erfolgreichen Expertin für moderne Kunst, Rebecca Wilson (im Buch „Jessica“ genannt), verheiratet. Und war der Psychonaut Dyer um die Jahrtausendwende noch an potenten Gras-Sorten, Ninja-Tune-Parties und hübschen Rucksacktouristinnen am Traumstrand interessiert, so ist für den heutigen Fellow der Royal Society of Literature und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences der formvollendete Cappuccino und das extra geröstete Nuss-Croissant im Stamm-Café (das passenderweise und zum Augenrollen einladend „Intelligentsia“ heißt) der Höhepunkt des Tages.

Dies tut freilich seinem lakonischen britischen Witz keinen Abbruch, und bringt sogar noch die eine oder andere zusätzliche Ebene des ästhetischen Verständnisses und der reifen Abgeklärtheit in sein Werk ein. Doch wo Geoff Dyer in früheren Büchern blitzgescheit war, ist er heute oftmals neunmalklug. Vielleicht hat das mit den Erwartungen seiner Auftraggeber zu tun, denn alle neun Kapitel (von denen nur drei außerhalb der USA spielen) sind als Kommissionsarbeiten für etablierte Blätter (Harper’s, Financial Times, The New Yorker, Granta, etc.) entstanden. Und so muss man als aufmerksamer Dyer-Leser schon auch feststellen, dass manche seiner zerebralen Expeditionen ähnlich enttäuschend sind, wie einige der an Enttäuschungen nicht armen „magischen“ Orte. Zuweilen möchte man gemeinsam mit dem Autor, dem sich etwa die berühmte aurora borealis nicht und nicht zeigen will, ausrufen: „Es gab nichts zu sehen! Wir reisten mit leeren Händen und leeren Augen wieder ab.“

Scheitern, aber grandios

Die Nordlichter zeigen sich erst auf dem Rückflug, und zwar auf der anderen Seite des Flugzeugs, nachdem der Erzähler und Jessica tagelang bei „tausend Grad minus“ von einem Hundeschlitten vergeblich durch die Eiswüste des Polarkreises gekarrt wurden. Auch Walter De Marias Kunst-Installation The Lightning Field will dem viel geprüften Autor nicht den Gefallen tun, ein Gewitter anzuziehen. Die bekannte Land-Art-Spirale The Spiral Jetty erscheint ihm regenverwaschen, halb versunken und kleiner als auf den Fotos, die den Künstler Smithson vor seinem Kunstwerk zeigen, „von wo aus er dialektisch seine eigene Spiegelung betrachtet und dabei aussieht wie Jim Morrison oder wie Val Kilmer, der in Oliver Stones Film Jim Morrison spielt.“

Doch, wie eingangs erwähnt, sind Enttäuschungen so etwas wie ein Spezialgebiet des philosophischen Flaneurs Dyer: „Meine enorme Kapazität für Enttäuschungen sehe ich als Errungenschaft, als Sieg. Sie ist Beweis dafür, wieviel ich noch von der Welt erwarte.“ So erwartet er sich im ersten Kapitel, auf einer Reise nach Tahiti, nichts weniger als in ein Gemälde von Paul Gaugin einzutreten. Doch Gaugins Tahiti ist unauffindbar, wie es auch schon zu Gaugins Zeiten unauffindbar war, weshalb der Maler bald auf das abgelegenere Hiva Oa weiterzog. In Papeete trifft Dyer auf schwergewichtige Insulaner mit Insulin-Überschuss, sieht sich gezwungen, in sündhaft teuren Restaurants zu speisen und vertraut einem Mitreisenden an: „Wir sind gar nicht in Polynesien, wir sind in einem Vegas-Casino namens Tahiti oder Bounty.“ Darüber hinaus ist er entsetzt, dass auf den Dosen mit einheimischem Ananassaft zu lesen ist: „Künstliche Aromastoffe!“, so als ob der Mangel an Natürlichkeit besonders verkaufsfördernd sei.

Reflexionen aus dem beschädigten Leben

Von diesem verwirrenden Spiel zwischen Original und Illusion, zwischen dem kosmetisch Nachgestellten der ursprünglichen Natur, um diese möglichst natürlich erscheinen zu lassen, ist es dann auch nicht mehr weit zu Theodor W. Adorno, den Dyer „bereits seit 1986“ liest (gequält seufzen, bitte jetzt!), und dessen Exil-Haus in Pacific Palisades er einen Besuch abstattet, nur um auf dem Weg dorthin eine blutige Spur an kulturellem Namedropping (Hegel, Hitchcock, Horkheimer, Fitzgerald, Nabokov, New Age, Goa, Peter Lorre, James Brown und Conan der Barbar) zu legen.

 

Geoff Dyer in seiner Bibliothek: „Eines der großen Privilegien meines Lebens ist es, in einem Haushalt ohne Bücher aufgewachsen zu sein.“
© Eva Vermandel / Getty

 

Was immer es ist, was ihn magnetisch an bestimmte Orte zieht, welche Echos von Sehnsucht und Resonanzen von Ideen er in White Sands sucht, lässt erahnen, dass Geoff Dyer von der Welt überhitzt und überfordert ist, und sich nach Abkühlung, Reduktion, ja, nach Auflösung sehnt. So wie das im Bildteil des Buches abgedruckte Foto aus der Serie Salzburg (1977) von Luigi Ghirri, das sich in minimalistischer Komposition aus seiner eigenen Realität zurückzuziehen scheint. Im letzten Kapitel mit dem Titel Beginn wird sogar der Autor selbst beinahe seiner eigenen Auflösung ins Auge sehen müssen.

Leider sind die Stories Verbotene Stadt und Die Ballade von Jimmy Garrison schlichtweg nicht ganz auf der erzählerischen und gefühlsintensiven Höhe der übrigen – wie etwa die Niederschrift der Erfahrung seines tatsächlichen (leichten) Schlaganfalles im Januar 2014 ( „Die halbe Welt war verschwunden!“) oder die hochkomische Titelgeschichte mit Riders on the Storm-Anklängen. Ein Auszug:

„Der Autostopper schwieg, als wir auf dem Highway 54 von White Sands nach El Paso südwärts fuhren. (…) Wir hatten geklärt, woher wir kamen und wohin wir unterwegs waren, und eine angenehme Atmosphäre breitete sich im Wagen aus. Dann, weniger als eine Minute später, wurde diese angenehme Atmosphäre durch ein Schild aufs Jähste gestört:

 

 

ACHTUNG!

KEINE ANHALTER MITNEHMEN

VOLLZUGSANSTALTEN IN DER UMGEBUNG

 

 

Ich hatte das Schild gesehen. Jessica hatte das Schild gesehen. Unser Autostopper hatte das Schild gesehen. Wir alle hatten das Schild gesehen und das Schild hatte  unser Verhältnis zueinander grundlegend verändert. (…) Ich guckte Jessica nicht an. Sie guckte mich nicht an. Das war nicht notwendig, denn auf eine gewisse Weise guckte jeder jeden an. Abgesehen davon, dass wir nicht schauten, sprach auch niemand ein Wort. Ich habe immer an das Konzept der Schwingungen geglaubt: gute Schwingungen, schlechte Schwingungen. Nachdem wir das Schild gesehen hatten, veränderten sich die Schwingungen im Auto – die sehr gute Schwingungen gewesen waren – komplett und wurden zu sehr schlechten Schwingungen.“

 

White Sands ist vielleicht nicht Dyers ausgewogenstes Buch, aber auf jeden Fall ein wegweisender Ansatz, wohin sich gewitzte, zeitgenössische Reiseerzählungen im Fahrwasser eines Paul Theroux entwickeln können. Und: eine passende Gelegenheit, um auf Dyers bisherige Bücher aufmerksam zu machen. Das Buch endet an der Abbruchkante der westlichen Welt, am Strand von Santa Monica, wo sich ein psychedelischer Sonnenuntergang im knallrosa Himmel über dem Pazifik zusammenbraut. Und letztendlich kommt der Autor zur Erkenntnis, dass es sein eigenes, stets neugieriges Gehirn ist, das eine spiralförmige Anlegestelle im Nirgendwo, und, mit seinem Wetterleuchten der Assoziationen, das eigentliche, von Geistesblitzen umzuckte Lightning Field bildet. Geoff Dyer: „Das Leben ist so interessant, dass ich gern für immer bleiben würde, nur um zu sehen, was passiert, worauf das alles hinausläuft.“

 

 

 

Geoff Dyer ::: White Sands. DuMont Buchverlag, 2017. Deutsch von Stephan Kleiner. 352 S., geb. 24 €. Erscheinungsdatum: 19. September 2017

 

 

 

 

BONUS
Mögliche Nachbarn im Regal:

Alain de Botton ::: The Art of Travel
Umberto Eco ::: Travels In Hyperreality
Roger Willemsen ::: Die Enden der Welt
Gaston Bachelard ::: The Poetics of Space
Annie Dillard ::: Teaching a Stone to Talk
Gretel Ehrlich ::: Islands, the Universe, Home
Don George (Ed.) ::: Tales From Nowhere – A Lonely Planet Reader
Christian Kracht (Hg.) ::: Mesopotamia – Ein Avant-Pop Reader
Christian Kracht ::: New Wave
Helge Timmerberg ::: Tiger fressen keine Yogis
Marc Fischer ::: Die Sache mit dem Ich
Dennis Gastmann ::: Atlas der unentdeckten Länder
Christoph Ransmayr ::: Atlas eines ängstlichen Mannes
Walter Benjamin ::: Illuminationen
Theodor W. Adorno ::: Minima Moralia
Rebecca Solnit ::: The Faraway Nearby
Karl Ove Knausgård ::: Das Amerika der Seele: Essays
Jonathan Raban ::: Driving Home
Bruce Chatwin ::: What Am I Doing Here

 

 

 

Geoff Dyer ::: White Sands (Originalausgabe)
(Pantheon, 2016; 256 S.; 15,99€)

 

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